Was mit einem medizinischen Kongress in Frankfurt im Jahr 2019 begonnen hat, endete in einer bahnbrechenden Weiterentwicklung der Herzchirurgie: Bei der sogenannten TCRAT (Total Coronary Revascularisation via left Anterior Thoracotomy) nach Oleksandr Babliak können im Gegensatz zur herkömmlichen Bypass-OP, in der das Brustbein eröffnet werden muss, über lediglich einen kleinen seitlichen Schnitt zwischen der vierten und fünften Rippe alle nötigen Bypasse an die erkrankten Herzkranzgefäße (Koronarchirurgie) gelegt werden.
„Bei der herkömmlichen Methode muss das Brustbein gebrochen werden, das zieht mehrere Nachteile mit sich: der Patient kann sich über mehrere Monate nur eingeschränkt bewegen und die Folgen sind auch Jahre später noch spürbar. Außerdem ist es vor allem bei älteren Patienten ein immer größer werdendes Risiko“, erklärte Prof. Dr. Hilmar Dörge, Direktor der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie im Klinikum Fulda. In fünf Jahren hat er als erster Herz-Chirurg Deutschlands bereits über 700 Patienten mit der neuen, schonenden Methode erfolgreich behandelt.
Ursprünglich entwickelt wurde die Methode allerdings in Kiew: Oleksandr Babliak, Chefarzt der Herzchirurgie im privaten Herzchirurgie-Zentrum in Kiew, entwickelte die Methode über Jahre und stellte sie 2019 an einem Kongress vor, an dem Prof. Dr. Dörge auch teilnahm. „Ich erinnere mich noch genau, wie ich nach seinem Vortrag mit anderen Chirurgen zusammenstand und sie nach ihrer Meinung gefragt habe. Einer hat nur gesagt: ,Das muss man wollen‘. Und ich wollte es und bin wenig später mit Herr Dr. Sellin in die Ukraine geflogen, um es mir mit eigenen Augen anzusehen.“
Herz-Thorax-Chirurg Volodymyr Demianenko arbeitete lange für und mit Babliak zusammen und trug zur Entwicklung der neuen Technik bei. „Nach dem Kongress ist Prof. Dr. Dörge auf mich zugekommen und wollte die Technik erlernen“, erzählte er von der ersten Begegnung. Und die Zusammenarbeit hatte Erfolg: noch im Jahr 2019 sei der erste Patient Deutschlands im Klinikum Fulda mit der minimal-invasiven Technik erfolgreich operiert worden. Wie diese Technik funktioniert, erklärte Dörge im Folgenden: „Es werden drei Schlingen um die Hauptschlagader, die Lungenvene und die Hohlvene gelegt. Das ermöglicht dem Chirurgen, das Herz zu drehen und es somit in eine optimale Position zu bringen.“
Seit vergangenem Jahr bietet das Klinikum Fulda allerdings eine weitere Innovation an: Die Kombination von Bypass-Operation und Herzklappenersatz, ebenfalls über den kleinen Schnitt zwischen der vierten und fünften Rippe. „Diese Operationstechnik ist außer in Kiew bislang nur in Fulda durchgeführt worden“, betonte Prof. Dr. Dörge, „Sie ermöglicht es uns, komplexe kombinierte Eingriffe noch schonender durchzuführen, auch hier bleibt das Brustbein unberührt.“ Auch an dieser Technik sei Demianenko maßgeblich beteiligt gewesen, denn er lebt seit April letzten Jahres in Fulda. „Wenn mich Demianenko mit seinem Know-How nicht unterstützt hätte, hätte ich mich Erweiterung nicht getraut.“, lobte Dörge.
Einer der ersten Patienten, der sich einer solchen Kombi-OP unterzog, war Harald Schuppich. „Ich war immer sehr aktiv und habe viel Sport gemacht“, berichtete der 57-Jährige, „Irgendwann habe ich beim Fahrradfahren unter hoher Belastung immer Druck auf der Brust gespürt“ Er sei daraufhin zum Hausarzt gegangen, der ihn direkt an einen Kardiologen verwies. „Die Diagnose stand recht schnell fest: ich hatte einen Herzklappendefekt. Die Ärzte haben mir zwei Möglichkeiten gegeben: zwei Jahre leben oder Herz-OP.“ Nach Beratung durch das Herzchirurgie-Team des Klinikums entschied er sich für die mechanische Aortenklappe. „Ich wurde wenige Tage nach OP schon entlassen und war schnell wieder sehr fit. In der anschließenden Reha war ich in Sportgruppen und konnte mit Patienten mithalten, die schon vor über einem Jahr mit der herkömmlichen Methode operiert wurden.“
Noch werden in Deutschland 98 Prozent aller Eingriffe am Herzen nach Öffnung des Brustbeins vollzogen, doch die Fuldaer Herzexperten erwarten in den nächsten Jahren, dass sich ihre Methode immer mehr verbreitet. Dörge äußerte dazu: „Es werden vor allem junge Chirurgen einführen, die eine Chefposition bekommen. Uns haben schon Chirurgen hier besucht, um die Methode zu erlernen. Wir gehen davon aus, dass noch einige folgen werden.“
