Die Pressemitteilung im Wortlaut:
Christa Kirschbaum ist Kirchenmusikerin aus Leidenschaft. Von sich selbst sagt sie, sie sei in einem „evangelischen Biotop“ aufgewachsen, in dem sie zwar kaum mit der Theologie des Protestantismus, dafür aber sehr praktisch mit der Musik Johann Sebastian Bachs aufgewachsen sei. Als Kirchenmusikerin habe sie sich später 20 Jahre lang davor gedrückt, Bachs Passionen aufzuführen.
Kritische Fragen ans kirchenmusikalische Erbe:
Der Vortragsabend „Antijudaismus bei Bach“ war eine Kooperation der Katholischen Akademie mit der Gesellschaft für Christlich Jüdische Zusammenarbeit GCJZ und dem Bischöflichen Kirchenmusikinstitut KMI in Fulda. Für diese drei Institutionen begrüßten Ivona Gebala, Jutta Hamberger und Edith Harmsen die Gäste.
Gewünscht hätte man sich, im Publikum nicht nur ehemalige und aktive Chormitglieder, sondern auch Chorleiter/innen der verschiedenen Fuldaer Ensembles zu sehen. Denn: Auch in Fulda werden Bachs Passionen regelmäßig auf hohem musikalischem Niveau aufgeführt. Ihre Problematik allerdings wird so gut wie nicht thematisiert oder für das Publikum greifbar gemacht.
Liegt es daran, dass die Passionen als Gipfelwerke abendländischen Musikschaffens quasi kanonisiert sind? Kann Tradition heißen, dass man mit Verweis auf sie jede Auseinandersetzung und Infragestellung negiert? Kann man sich darauf zurückziehen und antworten, das mache ‚man‘ schließlich seit Jahrhunderten so? Akzeptiert man Judenfeindlichkeit, weil sie hier ‚nur‘ im historischen Kontext steht?
Christa Kirschbaums Antwort ist eindeutig – nein. Die problematischen Facetten unseres kirchenmusikalischen Erbes gehen uns alle etwas an. Sie sind auch keine Angelegenheit der evangelischen Kirche allein, denn Bachs Passionen werden auch in katholischen Kirchen oder Konzertsälen gespielt. Wollen wir dieses kostbare, musikalisch so tief ergreifende Erbe für uns heute lebendig und wahr halten, müssen wir uns mit seiner Historie auseinandersetzen und dürfen unbequemen Fragen nicht einfach ausweichen.
Verschiedene Zeiten – verschiedene Wahrnehmungen:
Der Kölner Bibelwissenschaftler Johann Michael Schmidt hat sich ausführlich mit dem religiös begründeten Antijudaismus in der christlichen Tradition auseinandergesetzt, weil die Wirkungsgeschichte der Texte verheerend war. Kirchen wie weltliche Institutionen beriefen sich auf die Aussagen des Neuen Testaments, um Judenverfolgung zu rechtfertigen. In dieser judenfeindlichen Rezeptionstradition stehen nun einmal auch Bachs Passionen. Zu Bachs Zeit war Antijudaismus die Regel.
Christa Kirschbaum zitierte Schmidt: „Die Passionen sind nicht vom Himmel gefallen, sie sind verwurzelt in der Geschichte.“ Das bedeutet, das ihre Wahrnehmung und Wirkung zu verschiedenen Zeiten verschieden war. Besonders nach der Shoah sei es Aufgabe und Verpflichtung, die judenfeindlichen Passagen wahrzunehmen und neu zu erfassen. Heute hören wir – anders als zu Bachs Zeit – die Passionen nicht mehr im Rahmen eines Gottesdienstes. Es fehle daher die aktuelle Auslegung in einer Predigt. Diese Dimension gehe im Konzert-Modus in der Regel verloren.
Die Konzerte sind voll, ganz offenbar bewegt Bachs Musik uns auch 300 Jahre nach ihrer Entstehung. Vielleicht, weil, so Kirschbaum, Kirchenmusik „nie dahinplätschere, es ginge hier immer um die Extreme – Schmerz und Freude, Liebe und Tod, Gefangenschaft und Befreiung.“ Man könne es nicht dabei belassen, die schöne Musik zu genießen und die grausame Geschichte, die sie erzählt, zu ignorieren, weil sie ästhetisch genussvoll dargeboten würde, so Kirschbaums Standpunkt.
V-Effekt à la Bach:
Christa Kirschbaum beließ es nicht beim Vortragen, sondern bezog das Publikum in die Problematik sehr praktisch mit ein. Wie? Nun – durch Mitsingen des Chorals 22 „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn“ aus der Johannespassion. Wir näherten uns diesem Choral ganz so, wie es ein unbefangener Kirchen- oder Konzertbesucher zunächst einmal tut: wunderbar, Bach mag ich und höre ich gern, okay – singe ich auch mit. Dabei wird das Gehirn noch nicht eingeschaltet. Das geschieht erst, wenn man es nachdrücklich dazu bringt, sich mit dem Gesungenen auseinanderzusetzen. Brecht hat fürs epische Theater den Verfremdungs-Effekt erfunden – bewusste Störer, die Zuschauer/innen weg vom Geschehen auf die Sinngebung lenken sollen. Setzt man sich und die Passionen dem V-Effekt aus, passiert Erstaunliches: Man beginnt, über Worte oder Sätze nachzudenken. Man stellt sich Fragen. Man sucht nach Hintergründen und Begründungen.
Insgesamt sieben Mal sangen wir diesen Choral – in verschiedenen V-Effekt-Versionen. Zunächst summten wir ihn, dann sangen wir ihn im Original, dann hielten wir uns die Hand vor den Mund bei Stellen, die uns nicht leicht über die Lippen kamen, dann setzen wir uns bei unverständlichen Passagen hin, dann seufzten und stöhnten wir bei Stellen, die uns am meisten irritierten, dann hielten wir in jedem der drei Abschnitte einen Ton nach Wahl länger an, dann sangen wir den gesamten Choral jeder in seinem eigenen Wunschtempo. Der Effekt war außerordentlich: denn mit jeder Version stieg man tiefer ein in den Choral – seine Schönheit genauso wie seine Abgründe. Die von Christa Kirschbaum ausgelöste Nachdenklichkeit wird noch lange in uns wirken.
Rituale – oder Musik aktiv hören:
Ein Wort zum Schluss noch zur Frage, wie wir heute mit Musik umgehen. Hören wir sie wirklich, oder konsumieren wir sie nur? Gerade im klassischen Bereich ist Musikhören oft stark ritualisiert. Vielen Konzertbesuchern ist es ein lieb gewordenes bildungsbürgerliches Ritual. Konzerte sind für viele schöne Unterhaltung in schöner Umgebung, man fühlt sich wohl, ist mit sich im Reinen und will dabei nicht gestört werden. Wann je wird im Konzertsaal unser Problembewusstsein geschärft? Wann werden wir ‚erschreckt‘, wann werden wir aus unserem Konsum-Modus herausgeschüttelt und wie wird die Musik in unsere Gegenwart geholt? Nicht nur Bachs Passionen brauchen heute mehr Einführung und Hinführung für ihr Publikum, das gilt auch für andere Komponisten und Werke. Über die reine Ästhetisierung hinauszugehen ist einer der Gedanken, den Christa Kirschbaum ihrem Publikum mitgab. Denn das allein reiche einfach nicht.
Für den Umgang mit Bachs Passionen hat Christa Kirschbaum spannende Beispiele gesammelt. Vielen bekannt dürften John Neumeiers Versionen als Ballette sein. Ungewöhnlicher ist die Aufführung als Szenische Collage, in der Texte der Passion mit Texten aus den Verhandlungen des Volksgerichtshofs 1945 interpoliert werden. Man kann die Mitglieder eines Chors gezielt auf die Aufführung vorbereiten und Fragen zu den Texten stellen lassen – Fragen, die man später auch im Programmheft abdrucken kann. Interpolieren kann man die Texte auch mit Gedichten jüdischer Dichter/innen oder aktuellen Pressemeldungen. Bei einer Aufführung kann man problematische Textstellen so hervorheben, so wie wir es am Vortragsabend mit Choral 22 gemacht haben.
Wer einmal damit begonnen hat, ‚Bildstörungen‘ wahrzunehmen und sich damit auseinanderzusetzen, wird spüren, welche Bereicherung darin liegt und wieviel kreatives Potential das Nachdenken darüber freisetzt. Es geht um das Verkündigungs- und Wirkungspotential der Bach’schen Passionen in unserer Zeit. Wir machen seine Werke und uns klein, wenn wir die Auseinandersetzung über ihre Problematik scheuen.
