Schuld, Scham, Wut und Fassungslosigkeit stand den Mitgliedern der Kommission auch nach Abschluss ihrer Arbeit immer noch ins Gesicht geschrieben. Vier Jahre lang hatten sich die neun, respektive acht, Menschen sowie fünf zugezogene Kriminalbeamte mit den Fällen von sexuellem Missbrauch an Schutzbefohlenen im Bistum Fulda beschäftigt. In mehreren Arbeitskreisen wurde der Zeitraum von 1. Juni 1945 bis 31. Dezember 2024 beleuchtet. 2124 Personal- und Fallakten sowie eine große Zahl von Beiakten hatte die Kommission durchgesehen, mit verschiedenen Betroffenen, Zeitzeugen und Verantwortungsträgern gesprochen. Teile der Gespräche durften nach Absprache auch im Bericht veröffentlicht werden. In diesen werden unter Anonymisierung der jeweiligen Namen, die schrecklichen Handlungen beschrieben, die in diesem Zeitraum vorgefallen waren.
Dunkelziffer wahrscheinlich deutlich höher
Insgesamt hatte die unabhängige Kommission 239 sexuelle Missbrauchsstraftaten mit etwa 120 Geschädigten feststellen können, obwohl die Dunkelziffer deutlich höher liegen könne, wie der Kommissionsvorsitzender Gerhard Möller, Jurist und frühere Fuldaer Oberbürgermeister, betonte. Eine Aussage zu der tatsächlichen Gesamtzahl der Missbrauchstaten sei nicht möglich, führte er aus, denn etliche Betroffene seien über einen längeren Zeitraum in einer Vielzahl von Fällen missbraucht worden, wobei sich die einzelnen Taten nicht mehr voneinander abgrenzen ließen. Auch hätten sich viele Familien der Betroffenen aus Scham oder Angst vor sozialer Ächtung und Ausgrenzung nicht bei der Kommission gemeldet, was die Erfassung erschwert habe, aber verständlich sei. „Die tatsächliche Gesamtzahl der Missbrauchstaten ist – wie man sich vorstellen kann – sicher um ein Vielfaches höher“, betonte Möller.
37 mutmaßliche Täter
Die Kommission habe insgesamt 76 Fälle des Missbrauchs festgestellt, Ein Fall beschreibt dabei immer einen Täter, der sich in einem oder mehreren Fällen an einem Geschädigten vergangen hat. 39 der 76 erfassten Fälle seien allerdings nicht in die Statistik aufgenommen worden, stellte der Vorsitzende zur Überraschung der Anwesenden fest. „Das mag zuerst überraschend klingen“, räumte er auch ein, fügte aber hinzu: „Wir haben diese aus unterschiedlichen Gründen im Vorfeld aussortiert.“ Die Kommission habe sich bei der Auswahl auf die Taten von sexualisierter Gewalt und sexuellem Missbrauch konzentriert, stellte Dr. Anna-Maria Budczies, Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Fulda, klar: „Wir hatten einen sehr speziellen Auftrag, den wir zu erfüllen hatten.“
So seien beispielsweise Straftaten mit körperlicher Gewalt, aber ohne sexuellen Bezug, oder sexueller Missbrauch gegen Volljährige zwar betrachtet, aber nicht mit aufgenommen worden, fügte Vorsitzender Möller an. Dazu kämen Fälle, bei denen die Glaubwürdigkeit der Zeugen nicht 100 Prozent belegbar, bei denen eine Abgrenzung zu anderen Fällen nicht einwandfrei feststellbar oder bei denen schlichtweg zu wenig Information vorläge, sagte er weiter. Insgesamt hatte die Kommission so 37 mutmaßliche Täter identifiziert. Der jüngste Fall soll sich 2016 zugetragen haben.
Weitere Themen des Pressegesprächs war unter anderem auch die Historie des Bistums im Umgang mit solchen Fällen. So sei den Betroffenen bis zur Jahrtausendwende und teilweise bis 2010 kaum Beachtung geschenkt worden, führte Vorsitzender Möller, an und räumte ein: „Wir waren blind für das Leid der Opfer.“ Beschuldigte seien immer wieder mit Nachsicht behandelt, oft sogar durch die eigene Gemeinde geschützt worden, erklärte er weiter: „Das Ansehen der Kirche sollte nicht beschädigt, das ‚Problem‘ möglichst unauffällig durch Versetzung in andere Gemeinden oder Einrichtungen gelöst werden.“
Die Kommission appellierte an das Bistum sich mit der Vergangenheit – und insbesondere „den dunklen Kapiteln seiner Geschichte – auseinanderzusetzen und diese aufzuarbeiten. Diesem Appell stimmte Bischof Dr. Michael Gerber zu und versprach Besserung.
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