Marie und Isa wuseln um Mama und Papa. Sie sind aufgedreht und neugierig, machen Quatsch, lachen und quietschen, fangen sich und spielen miteinander, während Rosalie und Tim von damals erzählen. Von den wiederkehrenden hoffnungsvollen und enttäuschenden Momenten. So oft hatte es nicht geklappt. Man sieht ihnen an, dass sie sich gut an diese emotional schwierigen Zeiten erinnern. Aber gleichzeitig gab das dem Paar wohl den Mut, sich gemeinsam neu zu orientieren.
„Wir setzten uns mit dem Thema Adoption auseinander, nahmen Kontakt zur Adoptionsvermittlungsstelle in Fulda auf und haben uns dort sehr wohl gefühlt“, sagt Rosalie. „Wir wussten sehr schnell, dass das für uns der richtige Weg ist“, ergänzt Tim. Ab Ende 2016 nahmen sie an Vorbereitungskursen teil. Und die beiden sind sich einig: „Diese Zeit ist immens wichtig. Man muss in dieses Thema hineinwachsen. Das ist nicht immer leicht. Schließlich wünscht man sich ja so sehr, dass man Familie wird. Aber die Beraterinnen der Adoptionsvermittlung in Fulda sind einfach toll. Sie haben uns so verständnisvoll und unterstützend in jeder Lebenslage begleitet.“ Die Bergmanns sind dafür dankbar: „Wir sind in allen wesentlichen Themen sehr offen, sensibel und umfassend vorbereitet worden. Wir haben vieles reflektiert und sind dabei gewachsen. Wir wussten, dass wir das als Paar gemeinsam wollen. Und anders geht das gar nicht.“
Es sollte noch bis zum Jahr 2019 dauern, bis die Adoptionsvermittlungsstelle den Bergmanns an einem Freitag eröffnete, dass in gut zwei Wochen ein Kind in vertraulicher Entbindung zur Welt kommen würde. Sie entschieden sich, diesem Kind ein Zuhause zu geben, und machten sich an die Vorbereitungen und Pläne, was sie in den nächsten 14 Tagen noch alles besorgen müssten.
Doch dann ging alles viel schneller. „Das werden wir nie vergessen. Es war Sonntag, nur zwei Tage später, als uns auf dem Geburtstag meiner Schwester unerwartet die Beraterin der Adoptionsvermittlung anrief“, sagt Rosalie und schildert, dass ihr erster Gedanke war: „Lass es bitte keine schlechte Nachricht sein.“ Und wirklich – das Gegenteil war der Fall: „Ein gesundes Mädchen war geboren, und wir haben vor Freude nur noch geweint.“
Plötzlich waren die Bergmanns zu dritt und erhielten Hilfe von allen Seiten: „Alle waren für uns da, die Familie, Freunde und Bekannte. Jeder hat dies und das besorgt und gebracht, das war Wahnsinn“, erinnern sie sich. Von Anfang gingen sie offen damit um, dass Marie adoptiert ist und eine Bauchmama hat – in der Familie sowieso, aber auch im Umfeld, in der Kita und gegenüber Marie. „Es ist doch einfach eine riesengroße Freude“, sagt Tim.
Dass nun nach ein paar Jahren Isa die Familie vergrößert, ist für alle ein großes Glück. Auch Isa ist vertraulich geboren worden – eine Fügung für Rosalie und Tim. Denn bei Adoptionen wird auch darauf geachtet, dass die Kinder möglichst dieselben Voraussetzungen haben: „Es wäre schwierig, wenn ein Kind die leiblichen Eltern treffen könnte und das andere Kind nicht“, sagt Rosalie.
Die Bergmanns sind glücklich. Nicht nur als Paar und nicht nur als Familie mit zwei Kindern. Für sie gehören auch die beiden leiblichen und unbekannten Mütter dazu. „Wir leben das sehr offen“, sagt das Paar: „Wir denken zum Beispiel an den Geburtstagen von Marie und Isa immer auch an ihre Bauchmamas. Denn wir sind sicher, dass die beiden den Tag genau erinnern, an dem sie ihre Kinder geboren haben.“
Das Paar spricht mit großem Respekt von den beiden Müttern. „Diese Frauen haben sich sehr früh darüber Gedanken gemacht, was das Beste für ihre Kinder ist. Wir kennen die Gründe nicht, weshalb sie ihren Kindern kein Zuhause geben konnten. Aber sie haben dafür gesorgt, dass sie eine Familie bekommen, Liebe und Sicherheit. Das zeigt, wie verantwortungsvoll sie sind und dass sie ihre Kinder lieben.“
Ebenso deutlich ist die Haltung von Tim und Rosalie, wenn sie erfahren würden, dass die Bauchmamas gern Kontakt aufnehmen wollen: „Wir würden uns freuen, wenn sie Teil von unserer Familie werden. Sie sind herzlich willkommen. Sie haben uns mit diesen beiden Schätzen das größte Geschenk gemacht, das es gibt. Vor solchen Menschen kann man nicht die Tür verschließen. Sie sind ein wichtiger Teil von Maries und Isas Geschichte.“
Stichwort: Vertrauliche Geburt
Die Möglichkeit zur vertraulichen Geburt gibt es seit dem Jahr 2014. Eine werdende Mutter, die aus für sie wichtigen Gründen ihre Identität nicht preisgeben möchte, und die entschieden hat, ihr Kind zur Adoption freizugeben, erklärt dies im Kontakt mit einer Schwangerenberatungsstelle.
Wenn die Entscheidung endgültig getroffen ist, werden die Personalien der Frau beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln in einem Umschlag verwahrt. Sie selbst erhält ein Pseudonym und die Vermittlung zu einer Geburtsklinik oder Hebamme. Ihre wahre Identität bleibt geschützt. Eng eingebunden ist bereits vor der Geburt die Adoptionsvermittlungsstelle, die eine geeignete Familie für das Kind findet.
Die leibliche Mutter hat kein Recht darauf, weitergehende Informationen zu erhalten. Sie kann jedoch mit der Schwangerenberatungsstelle oder Adoptionsvermittlungsstelle Kontakt aufnehmen. Die Adoptivfamilie entscheidet darüber, ob und welche Informationen sie der leiblichen Mutter zukommen lassen möchte. Nach etwa einem Jahr, der sogenannten Adoptionspflege, fasst das Familiengericht den Adoptionsbeschluss. Das Kind erhält damit die rechtliche Stellung eines leiblichen Kindes der Adoptiveltern.
Nach seinem 16. Geburtstag hat das Kind ein Recht auf Akteneinsicht mit Unterstützung der Adoptionsvermittlungsstelle. Mit der Möglichkeit zur vertraulichen Geburt wurde – flankierend zur Babyklappe – ein weiteres Angebot geschaffen, um Kindern Schutz zu bieten, deren Müttern es nicht möglich ist, sich um ihr Baby zu kümmern. Gleichzeitig bietet dieses Angebot Müttern und Kindern die medizinische Sicherheit einer Entbindung in einer Klinik – und gibt den Kindern das Recht, etwas über die eigene Herkunft zu erfahren.
In Deutschland entbinden seit 2014 rund 110 Frauen pro Jahr vertraulich. Das sind etwa neun Geburten pro Monat. Das erste Kind, das in Fulda vertraulich entbunden wurde, ist neun Jahre alt.
Vier Fragen an Beraterin Anja Fritsche
Die Gemeinsame Adoptionsvermittlungsstelle der Stadt Fulda sowie der Landkreise Fulda, Hersfeld-Rotenburg und Vogelsberg ist seit zehn Jahren mit Begleitung von Kindern aus vertraulichen Geburten befasst. Eine der Beraterinnen ist Anja Fritsche.
Wie bewerten Sie das Konzept der vertraulichen Geburt?
Anja Fritsche: Ein großer Gewinn der vertraulichen Geburt ist, dass Mutter und Kind in ihrer Notlage medizinisch versorgt sind und begleitet werden. Der zweite Gewinn ist, dass die Kinder ab ihrem 16. Lebensjahr etwas über ihre Herkunft erfahren können. Das ist eminent wichtig. Die vertrauliche Geburt ist eine sinnvolle Ergänzung zur Babyklappe, die von Frauen in einer Notlage noch immer als Möglichkeit genutzt wird.
Wie viele Familien mit Kindern aus vertraulichen Geburten betreuen Sie? Sind für Sie Unterschiede wahrnehmbar im Vergleich zu anderen Adoptionen?
Anja Fritsche: Wir haben, seitdem das Gesetz in Kraft ist, neun Kinder aus einer vertraulichen Geburt zu Adoptiveltern vermittelt. Der Unterschied zu anderen Adoptionen ist die Tatsache, dass es keine notarielle Zustimmung der Kindesmutter wenige Wochen nach der Geburt gibt. Das gesamte erste Jahr ist der Zeitraum, in dem die Mutter ihre Entscheidung zur Freigabe noch revidieren kann. Diese Unsicherheit wird von manchen Adoptiveltern als belastend empfunden.
In fünf Jahren haben die ersten Kinder aus vertraulichen Geburten die Möglichkeit, den Namen ihrer Mütter zu erfahren. Helfen Sie den Adoptionsfamilien bereits jetzt bei der Vorbereitung?
Anja Fritsche: Wir bleiben auch nach dem Adoptionsbeschluss mit den Adoptiveltern in regelmäßigem Kontakt an unseren Themenabenden, zum Sommerfest und in persönlichen Gesprächen. Für alle Fragen rund um die Herkunftsgeschichte sind und bleiben wir Ansprechpartnerinnen.
Gibt es in Ihrem Wirkungsfeld Mütter, die vertraulich entbunden haben, die sich an Sie wenden, um sich über ihr Kind zu informieren?
Anja Fritsche: Sehr wenige Mütter bleiben im Rahmen der vertraulichen Geburt mit uns im Kontakt. Die Mütter haben jedoch die Möglichkeit ihrem Kind einen Brief oder einen persönlichen Gegenstand mitzugeben. Weiterhin können sie Informationen zu den Adoptiveltern, zum Beispiel zu deren Alter, dem Beruf oder ihren Interessen erhalten. Adoptiveltern können Briefe mit Fotos des Kindes auf anonymisierte Weise, etwa über die Schwangerenberatungsstelle, an die Mutter weitergeben.
Kontakt und weitere Informationen
Die Fachkräfte der Gemeinsamen Adoptionsvermittlungsstelle beraten Frauen und Männer, die sich mit dem Gedanken tragen, ihr Kind zur Adoption freizugeben, und bereiten Paare intensiv auf die Aufnahme eines Kindes vor. Sie begleiten Adoptivkinder und ihre Familien langfristig und unterstützen Adoptierte bei ihrer Herkunftssuche. Eine weitere Aufgabe ist die Begleitung von Stiefkindadoptionen, also wenn das Kind der Partnerin oder des Partners adoptiert werden soll.
Kontakt per E-Mail: adoption@landkreis-fulda.de
Homepage: www.adoption-osthessen.de
