Lokales FD 26.06.2025

„Ein Jahrhundertreformer“ – Akademieabend zu Michail Gorbatchow

Fulda (pm/fp) – „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Dieser berühmt gewordene Ausspruch von Michail Gorbatschow aus dem Jahr 1989 wurde und wird nahezu einhellig auf die damalige Führung der DDR bezogen. Der Historiker und Russland-Kenner Dr. Ignaz Lozo weiß, dass dies nicht stimmt. Woher er das weiß? Von Gorbatschow selbst, wie er bei einem Akademieabend im Fuldaer Bonifatiushaus erzählte.

Von links: Jana Nathalie Burg (Hessische Landeszentrale für politische Bildung), Dr. Ignaz Lozo (Referent) und Gunter Geiger (Akademiedirektor).

Woher Lozo seine Kenntnisse hat, wird aus seinem Lebensweg deutlich. Akademiedirektor Gunter Geiger weist in seiner Begrüßung darauf hin, dass der Referent lang als Fernsehkorrespondent in Moskau gearbeitet hat. 2021 erschien von ihm die erste Gorbatschow-Biografie aus der Feder eines Historikers.

Lozo hat etwa ein Dutzendmal den früheren Kreml-Chef interviewt. Und in einem dieser Gespräche stellte Gorbatschow klar, mit seinem berühmt gewordenen Satz nicht die Mächtigen des DDR-Regimes gemeint zu haben, sondern die Situation in seiner Heimat, der damaligen Sowjetunion. Denn für seinen politischen Kurs von „Perestrojka“ (deutsch: Umgestaltung/Veränderung) und „Glasnost“ (Transparenz/Offenheit) gab es dort erheblichen Widerstand.

„Perestrojka“ traf nicht nur für die Politik und die Strukturen zu. „Gorbatschow hat das am eigenen Leib durchlebt. Er war ein Kommunist und Sozialist, der in der KPDSU Karriere machte. In Juri Andropov hatte er einen Unterstützer“, macht Lozo deutlich, wie Gorbatschow Teil des Sowjet-Systems war, das von der Kommunistischen Partei geprägt war.

Der Kreml-Führer hat aber früh auch die Schattenseiten des kommunistischen Staats erlebt. Sein Großvater wurde 1937 – da war Gorbatschow sechs Jahre alt – bei Stalins Säuberungen zu Hause abgeholt. "Er hat zum Glück überlebt", so der Referent. Dieses Erlebnis war ein Grund für Gorbatschow, Jura zu studieren und so etwas gegen das Unrecht zu unternehmen. Und im Sinn von Glasnost hat er nach seiner Wahl zum Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) zugelassen, dass die schlimmen Geschehnisse der Sowjetunion nicht mehr verschwiegen wurden.

Anders als seine Vorgänger an der Spitze der UdSSR war Gorbatschow redegewandt, volksnah und mit 54 Jahren „jung“. Das begeisterte die Menschen. Dabei war es sein Bestreben, das kommunistische System zu reformieren, nicht abzuschaffen. Aber für Lozo steht fest: „Er war ein Jahrhundertreformer.“ Denn er führte Grundrechte wie die Religions- und Pressefreiheit ein. Die Kirchen erhielten ihre Gotteshäuser zurück.

Stimmen, die Gorbatschows Lebenswerk angesichts der diktatorischen Politik Putins für gescheitert ansehen, stimmt Lozo nicht zu. „Er hat über 100 Millionen Menschen die Freiheit geschenkt“, sagt er mit Blick auf die Länder des früheren Ostblocks. Und er war der Grund, weswegen die Menschen keine Angst mehr vor der Staatsmacht hatten und auf die Straße gingen.

Während der Friedensnobelpreisträger von 1990 weltweit bis heute hohes Ansehen genießt, wurde dies Gorbatschow in seiner Heimat weniger zuteil. So wird er von vielen für den Untergang der Sowjetunion verantwortlich gemacht. Dabei waren es Boris Jelzin und andere, die sich für die Unabhängigkeit Russlands und anderer Sowjetrepubliken einsetzten. Das politische Kalkül dahinter war laut Lozo, Gorbatschow, damals Präsident der UdSSR, die Machtbasis zu entziehen. 1991 kommt dann das Ende der Sowjetunion und seines Präsidenten. Jelzins Ziehsohn Putin setzt wieder auf imperiale Machtausdehnung mit Gewalt und Unterdrückung, wie es die Machthaber der Sowjetunion, bis Gorbatschow taten. www.katholische-akademie-fulda.de.

Der Akademieabend fand im Rahmen der Ringvorlesung der Katholischen Akademie Fulda und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung statt.