Lokales FD 30.06.2025

Akademieabend im Zeichen großer Töchter – Spannende Lesung

Fulda (pm/as) – Circa 50 Interessierte versammelten sich an der Katholischen Akademie, um einem ungewöhnlichen, aber höchst aufschlussreichen Blick auf eine der berühmtesten Familien des 20. Jahrhunderts zu folgen: den Töchtern des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann. Unter dem Titel „Die Töchter des Zauberers – Erika, Monika und Elisabeth Mann“ stellte die Germanistin und Publizistin Dr. Annette Seemann (Weimar) ihre biografische Annäherung an Erika, Monika und Elisabeth Mann vor – drei Frauen, die im Schatten eines Übervaters zu eigenen, nicht minder bemerkenswerten Lebenswegen fanden.

von links: Gunter Geiger (Akademiedirektor), Annette Seemann und Reinhard Schwab (Goethe-Gesellschaft). Fotos: Katholische Akademie

Der Abend zu dem die Katholische Akademie in Kooperation mit der Goethe-Gesellschaft eingeladen hatte, war nicht nur ein biografischer Rückblick, sondern auch ein Gedenken an eine Jahrhundertfigur: In diesem Jahr jährt sich der Todestag Thomas Manns zum 150. Mal – ein Anlass, wie Akademiedirektor Gunter Geiger in seiner Begrüßung hervorhob, der über bloßes Erinnern hinausgeht. Mann, so Geiger, sei nicht nur eine literarische Instanz, sondern eine moralische und politische Stimme Europas gewesen – ein „Zauberer“, dessen Werk und Wirkung weit über seine eigene Lebenszeit hinausstrahlen.

Doch während Thomas Manns Werk längst kanonisiert ist, bleibt das Leben seiner Töchter in der öffentlichen Wahrnehmung ein weitgehend unbeschriebenes Kapitel. Mit der jüngst erschienenen Biografie „Die Töchter des Zauberers“ schließt Dr. Seemann nun diese Lücke – und erzählt mit beeindruckender Empathie und Präzision von Eigensinn, Brillanz und dem Ringen um Selbstbestimmung in einem prominenten, jedoch auch zutiefst widersprüchlichen Elternhaus.

Besonders eindrucksvoll geriet Seemanns Schilderung von Monika Mann, der dritten Tochter, die innerhalb der Familie zeitlebens eine Sonderrolle spielte – im positiven wie im negativen Sinn. Während ihre Geschwister im Bannkreis großbürgerlicher Etikette und künstlerischer Ambition standen, entwickelte Monika früh eine stille Unabhängigkeit. Sie zeigte, wie Seemann betonte, „keinen Hang zum Standesdünkel“, ging offen auf Bedienstete zu, sprach mit Köchen, zeigte Wärme und Zugewandtheit, wo andere Distanz wahrt.

Auch äußerlich wich sie ab: mit lockigem Haar, das sie bewusst trug – zum Missfallen ihres Vaters, der sie spöttisch zurechtwies: „Deine Frisur ist lächerlich.“ Doch Monika blieb sich treu – ein Charakterzug, der sie schließlich auch in eine existentielle Krise führen sollte.

Ihr Schicksal, gezeichnet von Verlust (dem frühen Tod ihres Partners Jen? Lányi nach einem U-Boot-Angriff 1940), Flucht, Exil und familiärer Entfremdung, wurde an diesem Abend als besonders berührender Kontrast zur sonst oft so glanzvollen Mann-Welt erlebbar. Ein Foto, das Seemann zeigte – Monika am Rande sitzend, während Vater, Mutter und Schwester Erika auf der Terrasse der kalifornischen Villa beisammenstehen –, wurde zum Sinnbild ihrer Außenseiterrolle. „Ein Bild mit Symbolkraft“, so Seemann.

Ganz anders Erika Mann, das älteste Kind, die Ikone der Familie – charismatisch, brillant, impulsiv. Der Vater verehrte sie, ihre jüngeren Geschwister hingegen erlebten sie oft als dominant, ja herrisch. Ihre literarischen Ambitionen teilte sie mit Bruder Klaus, mit dem sie eine symbiotische, nicht unumstrittene Beziehung verband. In jungen Jahren brachen die beiden aus der bürgerlichen Enge Münchens aus, experimentierten mit Drogen und sexueller Freiheit – ein radikales Loslösen von Konvention, das später in Engagement gegen den Nationalsozialismus mündete.

Erika wurde zur politischen Kabarettistin, zur Mitbegründerin der „Pfeffermühle“, tourte durch Europa, schrieb, kämpfte, rettete schließlich gar die Manuskripte ihres Vaters vor der Vernichtung durch die Nazis. Ihre Wandlungsfähigkeit, ihre Bühnenpräsenz und ihr Wagemut machten sie zur Galionsfigur des Exils. Seemann zeichnete ein lebendiges Bild dieser Frau – nicht ohne auch ihre Schattenseiten zu benennen: ihre Neigung zur Dominanz, ihre Nähe zur Inszenierung.

Die jüngste Tochter, Elisabeth, war das stille Wunderkind – schulisch überragend, musikalisch begabt, hochintelligent und unabhängig. Mit nur 18 Jahren heiratete sie den über 30 Jahre älteren italienischen Schriftsteller Giuseppe Antonio Borgese, wurde Mutter zweier Kinder.

Ohne je ein Studium abgeschlossen zu haben, avancierte sie nach dem Tod ihres Mannes zur Professorin, Meeresbiologin, UN-Beraterin und Kämpferin für eine globale Meeresordnung. Ihre wissenschaftlichen Beiträge, ihr Engagement für ökologische und feministische Fragen sowie ihre ungewöhnliche Lebensgestaltung machten sie zu einer Ausnahmefigur in der Familie Mann – vielleicht sogar zur fortschrittlichsten ihrer Generation.

In einer charmanten Anekdote rundete Seemann das Bild ab: Elisabeth, passionierte Pianistin, brachte ihren Hunden das Klavierspielen bei – auf eigens dafür angefertigten kleinen Tasteninstrumenten. Eine Episode, die zugleich von Humor und Originalität zeugt – und von einem Denken, das nicht an Grenzen haltmacht.

Der Akademieabend war mehr als eine biografische Lesung – er war eine Entdeckung weiblicher Lebensentwürfe im Spannungsfeld von Genialität, Erwartung, Krise und Befreiung. Dr. Annette Seemann gelang es, die komplexen Lebenslinien der Mann-Töchter mit Sensibilität, Tiefe und stilistischer Klarheit nachzuzeichnen.