Für die Feierlichkeiten war der Gelbe Saal der Orangerie Fulda festlich hergerichtet worden. Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld war ebenfalls gekommen und tauschte sich munter mit den weit angereisten Gästen aus. „Wir sind sehr, sehr dankbar, dass die Patenschaft seit 70 Jahren besteht. Es ist bemerkenswert, dass weiterhin Menschen aus Oberglogau den Weg zu uns suchen“, lobte der Rathauschef. Durch die Verbundenheit werde die Idee der Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen nach dem zweiten Weltkrieg in besonderer Weise repräsentiert. Die von dem ehemaligen Oberbürgermeister Cuno Raabe besiegelte Tradition sei ein Beispiel, heute „für die europäische Freundschaft einzutreten“, so Wingenfeld: „Es ist ein Vorbild, Brücken zu bauen und aufrecht zu erhalten.“
Hintergrund - Die Beziehungen der Stadt Fulda zu Oberglogau
Die Patenschaft zu Oberglogau beruht auf einer historischen Besonderheit - und nicht etwa auf der Tatsache, dass nach dem Zweiten Weltkrieg viele Menschen aus Oberglogau in Fulda eine neue Heimat gefunden hätten. Hintergrund ist vielmehr eine Glocke: Die historische „Acht-Uhr-Glocke“ hing ursprünglich im Franziskanerkloster von Oberglogau. Im Zweiten Weltkrieg sollte sie wie viele andere Glocken auch für die Kriegsindustrie eingeschmolzen werden. Anfang der 1950er Jahre entdeckte der ehemalige Reichsgraf von Oppersdorf, der nach dem Krieg von Oberglogau wegen seiner verwandtschaftlichen Beziehungen zum Haus Isenburg nach Birstein im Vogelsberg übersiedelte, die unversehrte Glocke im Hamburger Hafen. Der Reichsgraf suchte nun einen Platz, wo er die Glocke platzieren konnte. In Birstein war hierzu keine Gelegenheit. In Fulda bot sich hingegen die Gelegenheit, die Glocke im Dom aufzuhängen. So entstand die besondere Beziehung Fuldas zu Oberglogau. Am 6. Juni 2001 wurde die Glocke, die längst zu einem wichtigen Symbol der vertriebenen, geflüchteten und daheimgebliebenen Oberglogauer geworden war, zu ihrem alten Platz im Glockenturm der Klosterkirche in Oberglogau zurückgebracht.
Der Kontakt der Winfriedschule Fulda zu der Zespol Szkol (Vereinigte Oberschule) aus Glogowek (Oberglogau) kam im Jahre 1963 zustande, als der damalige Schulleiter der Winfriedschule, OStD Dr. Thoma, eine Urkunde mit folgendem Text unterzeichnete: „Die Winfriedschule, das Fuldaer Aufbaugymnasium, übernimmt mit dem heutigen Tage die Patenschaft für das Aufbaugymnasium der oberschlesischen Stadt Oberglogau. Das Kollegium und die Schüler der Winfriedschule wollen durch die Übernahme dieser Patenschaft die Verbundenheit mit den ehemaligen Lehrern und Schülern des Oberglogauer Aufbaugymnasiums und darüber hinaus mit allen unseren Brüdern und Schwestern aus dem deutschen Osten bezeugen und dem sehnlichen Wunsch nach einer Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit Ausdruck geben“.
Im Rahmen der Oberglogauer Heimattreffen kam es immer wieder zu Kontakten der ehemaligen Schülerinnen und Schülern aus Oberglogau zur Winfriedschule. Im September 2007 erhielt die Winfriedschule einen Brief des Direktors der Oberglogauer Schule, der die Bitte übermittelte, die Patenschaft in eine Schulpartnerschaft umzuwandeln. Nach vorbereitenden Besuchen von Delegationen beider Schulen im Jahr 2008 eröffnete der erste Besuch polnischer Schülerinnen und Schüler aus Oberglogau an der Winfriedschule ein neues Kapitel einer Partnerschaft.
