Marla sei zwar immer schon ein wenig ängstlich gewesen, doch in den vergangenen Wochen habe sie starke Verhaltensänderungen gezeigt, berichtet Kremer. „Es ging damit los, dass sie immer unruhiger wurde. Besonders beim Autofahren hat sie sehr viel gejault und ist sehr besitzergreifend geworden“, erklärt der Hundehalter und ergänzt: „Sie verteidigt auffällig aggressiv das Haus. Das hat sie vorher noch nicht gemacht.“ Vor zwei Wochen etwa sei bei Marla auch unkontrollierbares Zittern aufgetaucht, so Kremer weiter: „Das geht so im zwei Sekundentakt. Sie zittert, hört wieder auf und dann fängt es wieder an.“ Selbst im Halbschlaf, oder wenn Marla gerade zur Ruhe kommen wolle, trete dieses Zittern auf. „Wir haben noch relatives Glück. Es gibt Fälle, wo Hunde Halluzinationen bekommen, ihre Herrchen nicht mehr erkennen und aggressiv gegen sie werden“, fügt Kremer hinzu.
Nach einer Untersuchung in der Fuldaer Tierklinik war dann relativ schnell klar, es muss sich um das Werwolf-Syndrom handeln, sagt Kremer. Das Werwolf-Syndrom sei eine neurologische Erkrankung, die durch Toxine im Futter ausgelöst werde, habe ihm die Tierärztin vor Ort erklärt, so Kremer. Er habe den Auslöser dann relativ schnell auf einen Kauknochen auf Rinderhaut eingrenzen können. „Wir haben das schnell mitbekommen und das Produkt zeitnah abgesetzt“, sagt er und fügt hinzu: „Marla hat viele Unverträglichkeiten, wir achten da eigentlich schon sehr stark drauf, was sie zu fressen bekommt.“
Da das Werwolf-Syndrom noch stark unerforscht ist, gebe es derzeit noch kein konkretes Gegenmittel. Marla werde derzeit durch einen Mix aus Beruhigungsmitteln und einem Diuretikum mit Aktiv-Kohle behandelt. „Wir können nur hoffen, dass die Entgiftung anschlägt und das Zeug einfach rausgespült wird“, meint der Hundebesitzer. Ein großes Problem bei dem gefährlichen Syndrom sehe Kremer in dessen Unbekanntheit. „Ich habe das in meinen Status gepostet und viele Hundehalter wussten gar nicht, dass es das gibt“, berichtet er und rät: „Wenn Symptome auffallen, bitte geht direkt zum Tierarzt.“
Dies raten auch Regina Wald und Klaus Mörmel, Ärzte in einer Eichenzeller Praxis. „Bei neurologischen Symptomen auf gar keinen Fall warten“, warnt Wald und fügt hinzu: „Hundehalter sollten sofort in eine gut ausgerüstete Tierklinik fahren.“ In der Eichenzeller Klinik habe es aber bisher nur einen Verdachtsfall gegeben, so Mörmel. Dieser habe sich aber als kurz darauf relativiert: „Der Hund war zwar während des Telefongespräches mit seinem Besitzer noch hörbar ängstlich und hat viel gejault, aber hier hat er sich dann wieder sehr normal verhalten und war ansonsten auch klinisch unauffällig.“ Gerade zurzeit um Silvester seien die Symptome schwer von den Auswirkungen des Feuerwerks auf die Tiere, schwer zu unterscheiden, räumt der Tierarzt ein: „Viele Hunde waren sowieso schon sehr nervös.“
Leider sei das Werwolf-Syndrom noch eine relativ unerforschte Krankheit, da sie erst vor kurzem auf der Bildfläche aufgetaucht sei, führt Wald weiter aus. Dieser Umstand habe zur Folge, dass wenig darüber bekannt sei, so die Tierärztin. Mit dieser Thematik beschäftigt sich vor allem die Tierärztliche Hochschule in Hannover (Tiho). Diese hatte bereits vor dem Jahreswechsel eine Halterumfrage zu der Symptomatik gestartet und Tierarztpraxen über das Syndrom informiert. Auf der Webseite der Tiho findet sich auch ein Fragebogen, den Hundehalter ausfüllen können. Mehr Informationen zur Studie finden sich unter: https://www.tiho-hannover.de/universitaet/aktuelles-veroeffentlichungen/pressemitteilungen/detail/studie-zum-werwolfsyndrom-schwere-neurologische-symptome-bei-hunden.
