Lokales FD 28.01.2025

Listmann erhält Obermayer Award – „Sie glaubt an Menschenrechte“

Berlin (pf/pm) – Große Auszeichnung für Anja Listmann: Die Hosenfelderin ist am Montagabend in Berlin mit dem Obermayer Award geehrt worden, der an Menschen und Organisationen verliehen wird, die sich für die Bewahrung des Bewusstseins für jüdische Geschichte und jüdischen Lebens in Deutschland einsetzen.

Von links: Cornelia Seibeld (Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin), Kai Wegner (Berlins Regierender Bürgermeister), Anja Listmann und Joel Obermayer (Stiftungs-Geschäftsführer). Screenshots: widenthecircle.org/

Seit 25 Jahren würdigen die Obermayer Awards in Deutschland Menschen und Organisationen, doch es gehe um viel mehr als die Bewahrung jüdischer Geschichten, betonte Moderatorin Shelly Kupferberg: „Es geht darum, Zeichen zu setzen gegen jegliche Form von Diskriminierung. Es geht um das Miteinander, Solidarität und Sensibilisierung“.

Ins Rote Rathaus von Berlin war diesmal auch Anja Listmann aus Hosenfeld eingeladen: Sichtlich gerührt war sie, als ein Film ihres Wirkens auf der Leinwand gezeigt wurde. Weggefährten und Mitglieder sowie Nachfahren aus der jüdischen Gemeinde kamen zu Wort, lobten sie für ihr Engagement für die Menschen und auch für junge Menschen. Liz Levy, Nachkommin der Jüdischen Gemeinde Fulda, sagte: „Sie glaubt wirklich an die Menschenrechte und daran, tolerant und freundlich miteinander zu sein. Das ist mehr als eine Überzeugung. Sie lebt es“.

Listmann selbst erzählte im Film, dass sie Mitte 20 und Studentin war, als eine Frau in einem Kaffee-Gespräch geäußert hätte, sie würde keine Juden mögen. „Das war Mitte der 90er-Jahre. Da dachte ich: O Gott, sowas gibt es noch? Das hat mich so schockiert, dass ich gesagt habe: Ich schreibe über das jüdische Leben hier in der Region“. Moderatorin Kupferberg wiederum las einige Stichpunkte über die Osthessin vor und war beeindruckt: „Diese Frau scheint mindestens 24 Stunden am Tag aktiv zu sein“. Bei der Preisverleihung war auch Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld anwesend, ebenso Jutta Hamberger als Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Fulda.

„In diesem Jahr feiern die Obermayer Awards bereits ihr 25. Jubiläum. Wir freuen uns sehr, dass inzwischen mehr als 150 Personen mit diesem Preis gewürdigt wurden, darunter Charlotte Knobloch, Margot Friedländer, Hilde Schramm und Gunter Demnig, aber auch sehr viele Menschen, die vielleicht weniger bekannt sind, jedoch Großes auf lokaler Ebene bewegen“, so Joel Obermayer, Geschäftsführer der Organisation Widen the Circle, die die Obermayer Awards vergibt. „Die Obermayer Awards sind beispiellos und das einzige US-amerikanische Projekt, das sich in dieser Weise engagiert. Die Awards haben als Familienprojekt begonnen und aus dieser Initiative ist inzwischen auch ein weites Netzwerk zwischen den USA und Deutschland sowie ein Fellowship Programm hervorgegangen.“ Judith Obermayer, Präsidentin der Obermayer-Stiftung, war ebenso nach Berlin gereist, wo zu Beginn der Veranstaltung ein Film ihres verstorbenen Gatten gezeigt wurde. „Er wäre etwas überrascht“, meinte sie mit Blick auf die Entwicklung des Preises: „Aber genau diese Anerkennung an die Menschen hatte er sich gewünscht“.

Neben Listmann sind am Montag Steffen Hänschen aus Berlin, Petra Michalski aus Berlin, Harald Höflein aus Ober-Ramstadt in Hessen sowie die Organisationen Augen auf e.V. Oberlausitz (Zittau) und Schalker Fan-Initiative (Gelsenkirchen) ausgezeichnet worden. Die Preise übergaben auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner und Cornelia Seibeld, Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin. Sie kündigte an, dass der Preis nach „25-jähriger Erfolgsgeschichte“ kommendes Jahr in NRW vergeben werden soll. Wegner sprach von einem „großartigen Award, an einem besonderen Tag – dem 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Gerade in diesen Tagen brauchen wir diese Zeichen“.

 

Zur Person

Anja Listmann (Hosenfeld, Hessen) arbeitete bis 2017 als Lehrerin in Fulda und ist seit Juni 2021 „Beauftragte für jüdisches Leben“ in Fulda. Sie initiierte Programme für Schülerinnen und Schüler, in denen die Geschichte des jüdischen Lebens in ihrer Stadt und der einzelnen Menschen erforscht wird, organisierte aber beispielsweise auch einen Schüleraustausch mit Petach-Tikvah in Israel. Seit 2012 organisiert Listmann Gedenkveranstaltungen anlässlich der Deportationen aus Fulda und der Reichspogromnacht. Parallel dazu hat sie 2017 die Website juden-in-fulda.org ins Leben gerufen. Sie setzt sich seit vielen Jahren für die Restaurierung jüdischer Stätten in Fulda ein und veröffentlicht Broschüren über diese Orte. 2018 und 2023 organisierte sie internationale Treffen ehemaliger jüdischer Einwohner*innen und deren Nachkommen in Fulda.

Die Preisverleihung ist online auf https://www.youtube.com/watch?v=rqvWJsCGv_M abrufbar.