Lokales FD 16.01.2025

Letzter Neujahrsempfang mit „Rhönkanzler“ Manfred Helfrich

Poppenhausen (sk) – Im sehr gut besetzten Von-Steinrück-Haus wäre es der 25. Jahresempfang der Gemeinde Poppenhausen mit Bürgermeister Manfred Helfrich gewesen, hätte es nicht zwei Absagen wegen Corona gegeben. Nächstes Jahr ist Helfrich dann Altbürgermeister. Ein Grund zurückzublicken auf eine gut aufgestellte Gemeinde in immer schwierigerem gesamtpolitischem Umfeld.

Foto: Stefan Krug

So begann Helfrich auch in seiner Ansprache mit: „2024 war kein besonders gutes Jahr“. Nicht nur die Kriege in der Ukraine und in Gaza und die weltweiten Umwelt- und Naturkatastrophen erwähnte er, sondern besonders auch Deutschland: „Die unbeliebteste Bundesregierung aller Zeiten begreift ihr Versagen und tritt ab.“ Wirtschaft und Industrie befänden sich seit Jahren im Krisenmodus. Es sei eine „verlorene Dekade“ gewesen, zu der Helfrich die Bilanz zog: „Die sozialen Systeme stehen unter anderem wegen der Zuwanderung vor einer Zerreisprobe.“ Dazu komme fehlendes Personal überall – in der Gemeindeverwaltung müsse das Personal selbst putzen und ein örtlicher Metzgereibetrieb musste deshalb einen Tag in der Woche schließen: „Das Bürgergeld setzt da falsche Anreize.“ Weiter meinte er, es könne nur mit konsequentem Bürokratieabbau und Digitalisierung Personal eingespart werden.

„Es war aber nicht alles schlecht in 2024“, fuhr der Bürgermeister fort: „Wir werden immer gesünder. Sparen macht reich angesichts der Zinsen, die KI weiß immer mehr, Deutschland konnte sein Klimaziel erreichen und die Ampel ist Geschichte.“ Von der neuen Regierung erwartet er „eine grundsätzliche Neuausrichtung der Politik“ - auch deswegen, weil für Kommunen kaum noch Kapazitäten blieben, in die Infrastruktur zu investieren, da der Großteil der Gelder für Pflichtaufgaben benötigt wird. An sich sei es für Poppenhausen aber recht gut gelaufen. Die Gemeinde sei seit zwei Jahren „praktisch schuldenfrei“ und die Gewerbesteuereinnahmen steigen. Auch wenn Letzteres nicht nur positiv sei. Dadurch steigen ebenso die Umlagen und in diesem Jahr müssen dafür zusätzliche 4,5 Millionen Euro eingeplant werden: „Wie gewonnen, so zerronnen.“ Ebenso wie im letzten Jahr sind auch 2025 „stattliche Investitionen“ geplant – Helfrich nannte den Wege- und Radwegebau sowie die Feuerwehren.

Zum Schluss wurde er emotional: „Alles hat seine Zeit und ich hatte über viele Jahre eine sehr gute Zeit. Am 1. November werde ich meine Aufgaben in andere Hände legen. Das hier ist mein letzter Auftritt beim Jahresempfang. Es war und ist mir eine Ehre.“

Begrüßt hatte die vielen Gäste Alexandra Ballweg, Vorsitzende der Gemeindevertretung. Und es waren auch alle der Einladung gefolgt – aus Politik, Wirtschaft, den Vereinen und Hilfsorganisationen, vom Biosphärenreservat und sozialen Trägern. Ballweg meinte, 2024 viel Gutes erlebt zu haben. Deutschland sei weltoffener geworden, wie sie es selbst beispielsweise bei der Fußball-EM in Berlin erlebt habe: „Gleichzeitig gab es schon lange nicht mehr so viele Gruppen und Staaten, die ein ‚Ich- oder Wir-Zuerst‘ rufen. Da denke ich nicht nur an Amerika unter Präsident Trump, sondern auch an unser Land.“ Mit Blick auf „Antonius-gemeinsam Mensch“, auch in Poppenhausen Träger eines Wohnprojekts, wünschte sie sich, dass insgesamt mehr versucht werde vorhandene „Stärken zu stärken“.

Auch Ballweg ging auf die Bundestagswahlen ein. „Zukunft gestalten heißt Zusammenarbeit. Die Zeit der großen Parteien ist vorbei. Eine Politik, die auf die Wählerschaft herabblickt und sagt ‚Nur wir können es besser‘ hat keine Zukunft. Wer die Demokratie wirklich stärken will, muss in der Sache entscheiden und nicht im eigenen Interesse.“ Dies gelte auch für die Bürgermeisterwahl in Poppenhausen am 29. Juni.

Nach dem Wegzug der Bäckerei Pappert und auch angesichts des Konjunktureinbruchs in Deutschland müsse man in Poppenhausen „den Cent in Zukunft einmal mehr umdrehen“. Ein Dorf könne auch wachsen durch Beteiligung und Teilhabe: „Innerlich wachsen, besser wachsen, zusammenwachsen. Poppenhausen hat so viel Potential – lassen sie es uns gemeinsam nutzen.“

Torsten Hopf, Vorstand der VR-Bank, hielt einen kurzweiligen Vortrag zu seiner Bank und deren drei Säulen: „Wirtschaftliche Stärke, Mitarbeiter und Partner der Region“. Als Partner für Poppenhausen versprach er, dass bald mit den Bauarbeiten an der Bankfiliale begonnen werde, nachdem diese seit der Automatensprengung im November 2023 geschlossen ist. Neben neuen modernen Bankräumen werden dort drei Wohnungen entstehen. Der außenstehende Geldautomat in einem Beton-Tube ist schon aufgebaut.

Im Rahmen der Veranstaltung sollte Joachim Leitschuh der Ehrenbrief des Landes Hessen überreicht werden. Dieser war auch schon genehmigt. Aufgrund einer Verfügung des Landes dürfen allerdings genau seit dem Tag des Empfangs in Gersfeld keine Ehrungen des Landes mehr erfolgen mit der Begründung, dies könne Wahlbeeinflussung sein. So erhielt Leitschuh vorerst nur den Wappenteller der Gemeinde – der Ehrenbrief wird nachgereicht. Der Geehrte war 31 Jahre Schöffe beim Ortsgericht und ist auch für die nächsten vier Jahre gewählt. Eine der wichtigsten Aufgaben dieses Gremiums ist die Bewertung von bebauten und unbebauten Grundstücken – als Bauingenieur macht Leitschuh das seit Jahrzehnten mit stetig steigendem Bedarf. Weiter gehört er seit 2006 der Gemeindevertretung an, trug viele Jahre Verantwortung in der Abteilung Ski-Nordisch des TSV Poppenhausen und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Kirmesgesellschaft, welche er bis heute unterstützt.

Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung vom tschechischen Pianisten und Chor-Leiter Jan Polivka, der in Poppenhausen lebt. Eine komödiantische Einlage bot der Kleinkunstpreisträger Sebastian Scheuthle. Auch dieser lebt und arbeitet in Poppenhausen. In seinem Jahresrückblick gelang es ihm, sein Publikum mit einzubeziehen und reichlich Lacher zu bekommen.