Im ziemlich gut gefüllten Saal traf sie dabei den Nerv der Anwesenden, die teilweise mit stehendem Applaus nicht sparten. Esken begann mit den Themen Infrastruktur und Arbeitsplätze. Nach ihrer Aussage muss die „Schuldenbremse weg“, da nur durch staatliche Investitionen Arbeitsplätze in der Industrie gesichert werden könnten: „Friedrich Merz glaubt nicht an die Industrie. Wir glauben daran, und deshalb muss investiert werden.“ Esken sprach sich für einen „aktiven und stabilen Staat“ aus: „Leute wie Merz brauchen keinen Staat, keine Schulen, keine Schwimmbäder und keine funktionierende Bahn.“ Was Merz wolle, sei laut Esken eine Entlastung der Steuerzahler um 100 Milliarden, von denen aber 30 Prozent an die „oberen zehn Prozent“ gingen: „Bezahlen müssen Geringverdiener und Rentner“. Auch fehle eine Finanzierung für diese Steuererleichterungen – nur durch Wirtschaftswachstum sei das unmöglich meinte sie: „Für die Versprechen der CDU müssten das 10 Prozent sein.“ Wobei Esken sich ebenfalls nicht für die Abschaffung der Schuldenbremse aussprach: „Die laufenden Ausgaben müssen natürlich aus den Einnahmen finanziert werden. Anders sieht es bei der Infrastruktur aus. Wenn der Staat die herunterfährt und nicht bereit ist zu investieren, versündigt er sich.“
Sie appellierte dafür, dass Olaf Scholz weiter Kanzler bleibe: „Scholz ist der richtige Mann als Kanzler. Mit uns mittig vorwärts oder mit Friedrich Merz zurück in die 90er Jahre.“ Auch sei Scholz regierungserfahren, während Merz „in seinem Leben nicht einmal eine Kommunalverwaltung geleitet“ habe. Zum Krieg mit der Ukraine habe Scholz „immer den richtigen Kompass gehabt“. Deutschland sei der größte Unterstützer des Landes nach den USA und trotzdem kein Kriegspartner. Für 15,5 Milliarden Euro zur Unterstützung der Ukraine sollte die Schuldenbremse ausgesetzt werden. Die Weigerung der FDP dazu sei der Gund für die Entlassung von Finanzminister Lindner gewesen.
Von den Anwesenden wurde reichlich Gebrauch davon gemacht, bei nicht angeschnittenen Themen nachzuhaken. Robert Vey wollte wissen, wie die SPD das Rentenniveau auf 48 Prozent des Bruttolohns sichern wolle. Dies bezeichnete Esken als „schwierig angesichts des demografischen Wandels“: „Zuwanderung ist dabei nicht da Problem, sondern die Lösung.“ In dieselbe Richtung ging die Frage eines Anwesenden nach der Gerechtigkeit von Pensionen von über 5000 Euro beispielsweise von ehemaligen Ministern. Hier war Esken gegen Änderungen: „Wenn wir jetzt umstellen würden, hätten wir die nächsten 30 Jahre ein Problem mit der Doppelfinanzierung.“ Der Staat müsste also weiter die Pensionen zahlen und gleichzeitig in die Rentenversicherung. Die SPD wolle aber zumindest anfangen, die Selbstständigen in die Rentenversicherung zu holen.
Ein weiteres Thema sprach Emily Röder aus Neuhof, die als Neumitglied ihr Parteibuch während der Veranstaltung von Saskia Esken persönlich überreicht bekam, an: „Wie es weitergehe mit dem Selbstbestimmungsgesetz?“ Für Esken steht das nach der Wahl „weiter ganz oben auf dem Zettel“. Gerade junge Menschen sollten weiter über ihre „sexuelle Identität“ selbst entscheiden können.
Begrüßt hatte die Gäste und auch die Bundesvorsitzende der Unterbezirksvorsitzende Andreas Maraun: „Saskia Esken steht für das hervorragende Wahlergebnis bei der letzten Wahl und dafür, dass wir einen Bundeskanzler haben, der ganz wichtiges umgesetzt hat.“ Maraun nannte die Bundestagswahl eine Richtungsentscheidung im Bereich der Sozialpolitik und übte angesichts der deutschen Geschichte Kritik an der von der CDU angestoßenen Diskussion über den Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft bei Doppelstaatlern mit mehreren Verurteilungen: „Wir stehen zu unserer sozialen Verantwortung, auch zu Menschen, die zu uns gekommen sind.“
Die Direktkandidatin der SPD in Fulda, Christine Fischer, verwies in ihrer Rede auf die Bedeutung des Ehrenamts, allein in unserem Kreis gebe es 1800 Vereine: „Wir können dieses Freiwilligen-Engagement gar nicht genug wertschätzen.“ Angesichts der angekündigten Werkschließungen im Wahlkreis Fulda übte sie besonders Kritik am Management der Firma Mehler. „Einst mit 4000 Beschäftigten in der Region soll nun Schluss sein. 192 Arbeitsplätze sind weg, ein schwerer Schlag für die Familien. Kurzfristige Profitinteressen werden über das Wohl der Beschäftigten gestellt.“ Sie selbst habe schon früh, auch durch ihren Vater gelernt: „Solidarität bedeutet sich einzusetzen, wenn andere wegschauen.“ So dürfe die soziale Herkunft nicht über das weitere Leben entscheiden
Ein ganz besonderes Geschenk gab es für Saskia Esken. Neben der Chronik „1200 Jahre Johannesberg“ wurden ihr ein paar rote Socken überreicht. Selbstgestrickt und vielleicht sogar aus Rhöner Wolle. Sie ließ es sich nicht nehmen, gleich eine überzustreifen.
