Dafür hatte sich nicht zuletzt auch Fuldas Bischof Dr. Michael Gerber eingesetzt, der ihr Engagement sehr schätzt. Gerber gratuliert Listmann zu dieser besonderen Ehrung: „Sie schlägt in einzigartiger Weise Brücken aus der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft“, betont er. „Diese Ehrung gilt dabei auch allen Personen, für die Anja Listmann sich mit großer Selbstlosigkeit einsetzt: den ehemaligen Jüdinnen und Juden des Fuldaer Landes, ihren Nachfahren und denjenigen, die heute diskriminiert und verfolgt werden – als unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger.“
Gemeinsames Erlebnis
Zur Auszeichnung wird Anja Listmann unter anderem von Fuldaer Jugendlichen begleitet: Mitgliedern der Gruppe „Jüdisches Leben in Fulda“. 2011 hatte die Geschichts- und Deutschlehrerin zunächst an der Bardoschule ein Projekt zur Erinnerung an jüdisches Leben in Fulda initiiert. Seit ihrem Wechsel an die Winfriedschule im Jahr 2019 wird das Projekt dort weitergeführt. „Es ist mir wichtig, das Erlebnis der Auszeichnung mit der Gruppe zu teilen“, betont Listmann. Zumal in Berlin dann auch Gespräche mit den Nachfahren jüdischer Mitbürger möglich sein werden, die extra aus Israel und den USA anreisen.
Beteiligt ist die Gruppe „Jüdisches Leben in Fulda“ auch an der Vorstellung eines außergewöhnlichen Fundes, der am Donnerstagabend erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde: Zwei kürzlich entdeckte historische Fotografien, die die Deportation jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus Fulda am 8. Dezember 1941 dokumentieren. Gemeinsam mit Anja Listmann sowie den Schülerinnen und Schülern erläuterte das Forschungsprojekt „#LastSeen“, dabei, wie die Fotos entdeckt wurden, welche Informationen sie über die Deportation vom 8. Dezember 1941 liefern und wie sie in den Kontext der bisherigen Forschungen eingeordnet werden können.
Voneinander lernen
Für die 18 Jahre alten Schülerinnen Florentine und Mara aus der 12. Jahrgangsstufe der Winfriedschule sind die Recherche zu den Fotos wie auch das Forschungsprojekt „ein spannender Prozess“. Man könne tief in die Materie eintauchen, und es werde einem bewusst, „dass man die Vergangenheit nicht hinter sich lassen darf“. Anja Listmann sei dabei zum einen ihre Mentorin, zum anderen könne man im gegenseitigen Geben und Nehmen viel voneinander lernen, betonen die Schülerinnen.
„Die Beschäftigung mit dieser Vergangenheit macht einsam“, sagt Listmann: „Daher bin ich so dankbar für das Engagement der Jugendlichen“, betont sie. „Die machen das einfach“, freut sich Listmann. „Sie macht das doch auch für uns, gibt uns Chancen, uns zu engagieren, und das mit ganz viel Herz“, erwidern die Schülerinnen das Lob ihrer Mentorin.
Mit Herz und Kopf
Die Auseinandersetzung mit dem Schicksal jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, die einst in Fulda lebten, beinhalte nicht nur Fakten, sondern beziehe Kopf und Herz mit ein. „Wir sind da emotional stark involviert“, betonen die beiden Schülerinnen. Dabei gehe es nicht nur um die Vergangenheit: „Da sind auch Gedanken dabei, die in die Zukunft strahlen.“
Gerade mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft müssen die Erinnerung und die Mahnung wachgehalten werden, betonen die Schülerinnen: „Man kann vor diesem Hintergrund gar nicht oft genug über die Geschehnisse rund um die Verfolgung und Vernichtung jüdischer Mitbürger im Dritten Reich reden.“
„Nicht verstehen, nur fühlen“
Besonders beeindruckend waren für die Jugendlichen und ihre Mitschüler die Besuche in den Konzentrationslagern Auschwitz, Theresienstadt und Stutthof. Bei diesen Besuchen nehmen sie gedanklich immer eine Person mit, die dort ermordet wurde, um sich mit deren Schicksal zu beschäftigen.
„Da steht man dann da, und ein Schüler fragt: ‚Anja, wie kann man jemanden vermissen, den man gar nicht gekannt hat?‘“, berichtet Listmann. Diese Besuche an den Gedenkstätten verändern einen, sagt sie: „Denn es wird einem viel zugemutet. Man kann nicht verstehen, nur fühlen.“
Anja Listmann im Gespräch
Zu diesem Thema gibt es auch einen aktuellen Podcast: Im Gespräch berichtet Anja Listmann gemeinsam mit einer ihrer Schülerinnen von der tiefen Verbundenheit mit der jüdischen Geschichte und warum es so wichtig ist, gerade jetzt daran weiterzuarbeiten. Der Podcast ist über die Internetseiten und den YouTube-Kanal des Bistums Fulda erreichbar. www.bistum-fulda.de
Revue: „Dein ist mein ganzes Herz“
In einer Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Fulda veranstaltet die Katholische Akademie im Bonifatiushaus Fulda (Neuenberger Str. 3 – 5) am Holocaust-Gedenktag, den 27. Januar (Montag) um 19 Uhr die Revue „Dein ist mein ganzes Herz“. Die Revue von Eckhard Radau und Bernd Düring erzählt die Geschichte des Schlagertexters Fritz Löhner-Beda. Seine Hits wie „Oh, Donna Clara“ und „Ausgerechnet Bananen“ prägten die 20er und 30er Jahre. Als Jude wurde er 1938 verhaftet, schrieb bis zu seinem Tod im KZ weiter. Der Abend ist eine Hommage an sein Leben und Werk. Anmeldung unter Telefon 0661/8398-113 oder per E-Mail an katholische.akademie@bistum-fulda.de
