Lokales FD 31.01.2025

Große Unsicherheit bei Unternehmen – Konjunkturbericht vorgestellt

Fulda (gü/pm) – „Der Geschäftsklimaindex ist weiter deutlich unter der Wachstumsschwelle. Die konjunkturelle Durststrecke dauert an. Hoffnung bereitet einzig und allein der Glaube an ein konsequentes Umsteuern in der Wirtschaftspolitik durch die nächste Bundesregierung“, kommentiert Michael Konow, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Fulda, die aktuellen Ergebnisse der ersten Konjunkturumfrage 2025. Anschließend diskutierte er die Zahlen mit verschiedenen Experten.

Michael Konow. Archivfoto: Andreas Schellenberg.

Die derzeitige Geschäftslage wird von 56,2 Prozent der Unternehmen als befriedigend bezeichnet. Im Oktober lag dieser Wert bei 45,2 Prozent. Von einer schlechten Lage sprechen 26,5 Prozent. Der Anteil der Unternehmen mit einer guten aktuellen Geschäftslage liegt bei 17,3 Prozent. Die Erwartungen sind per Saldo deutlich negativ: Eine schlechtere Lage erwarten 30,3 Prozent der Firmen (Oktober 2024: 39,0 Prozent). 57,6 Prozent der Unternehmen gehen von einer konstanten Geschäftslage aus; im Oktober 2024 waren 50,0 Prozent dieser Ansicht. 12,1 Prozent der Unternehmen erwarten eine eher günstigere zukünftige Geschäftslage (Oktober 2024: 11,0 Prozent). Die Bewertung der derzeitigen und die Einschätzung der zukünftigen Geschäftslage ergibt, dass der Geschäftsklimaindex von 75,2 auf 86,2 Punkte gestiegen ist. Damit liegt er erneut weit unter 100. „Wir befinden uns seit gut zwei Jahren im rezessiven Bereich – ob in Deutschland oder im Landkreis Fulda“, sagte Konow.

Auch bei den Industriebetrieben ist die aktuelle Lage per Saldo negativ. Sie hat sich gegenüber Oktober 2024, jedoch weiterhin negativen Bereich, verbessert. Von einer schlechten aktuellen Geschäftslage sprechen 30,6 Prozent der befragten Industriebetriebe, 11,1 Prozent berichten von einer guten Situation. 21,6 Prozent der Industriebetriebe gehen in den kommenden Monaten von einer eher ungünstigeren, 10,8 Prozent der befragten Unternehmen von einer eher günstigeren Geschäftslage aus. Insgesamt ist der Geschäftsklimaindex der Industrie von 63,8 auf 84,8 Punkte gestiegen. Im Handel stabilisiert sich der Geschäftsklimaindex mit 102,5 Punkten, was eine Folge moderaterer Inflation und höherer Frequenz während der Weihnachtszeit in der Fuldaer Innenstadt sein könnte.

 

Weiter sinkende Investitionen und Beschäftigung erwartet

Die Investitionsbereitschaft liegt per Saldo über alle Branchen hinweg im negativen Bereich: 44,4 Prozent der befragten Unternehmen haben ihre Investitionsabsichten reduziert. Von steigenden Investitionen gehen 19,2 Prozent der Betriebe aus. Hauptmotive für Investitionen sind Ersatzbedarf (74,0 Prozent) sowie mit deutlichem Abstand Rationalisierung (45,8 Prozent), Produktinnovationen (21,9 Prozent), Umweltschutz (16,7 Prozent) und Kapazitätsausweitung (14,6 Prozent). Bei den befragten Industrieunternehmen erwarten 54,1 Prozent der Unternehmen sinkende und nur 16,2 Prozent steigende Investitionen. Die Zahl der Firmen, die von einem Beschäftigungsabbau ausgehen (29,6 Prozent), liegt über der der Betriebe, die zusätzliche Beschäftigung planen (4,1 Prozent). In der Industrie zeichnet sich auch hier ein ausgeprägteres Bild: 37,8 Prozent der befragten Unternehmen erwarten sinkende und nur 2,7 Prozent steigende Beschäftigtenzahlen in den kommenden zwölf Monaten. 12,5 Prozent der außenwirtschaftlich tätigen Unternehmen rechnen mit steigenden Exporten, 65,6 Prozent mit gleichbleibendem Volumen und 21,9 Prozent mit sinkenden Exporten.

Als größte Risiken für die weitere wirtschaftliche Entwicklung werden sich verschlechternde wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen (72,4 Prozent), eine schwindende Inlandsnachfrage (71,4 Prozent), höhere Arbeitskosten (65,3 Prozent), steigende Energie- und Rohstoffpreise (56,1 Prozent) sowie der Fachkräftemangel (43,9 Prozent) von den Betrieben gesehen. „Es ist das erste Mal seit ich Hauptgeschäftsführer bin, dass Fachkräftemangel an so hinterer Stelle steht“, so Konow.

Die aktuelle Finanzlage bezeichnen 64,6 Prozent der befragten Unternehmen als unproblematisch, 19,8 Prozent berichten von einem Eigenkapitalrückgang und 2,1 Prozent der befragten Unternehmen von einer drohenden Insolvenz. „Osthessen hat zwar insgesamt eine robuste und breit aufgestellte Wirtschaft, befindet sich aber im negativen Sog der nationalen Rahmenbedingungen und der multiplen Risiken. Hoffnung bereitet einzig und allein die Erwartung auf ein konsequentes Umsteuern in der Wirtschaftspolitik durch die kommende Bundesregierung. Darauf deuten Verbesserungen auf niedrigem Niveau bei einzelnen Indikatoren hin“, fasst Michael Konow die aktuellen konjunkturellen Zahlen der IHK-Umfrage zusammen.

 

Große Unsicherheit bremst Investitionen

Aus Sicht der regionalen Kreditinstitute gaben Tosten Kramm, Leiter des Firmenkundencenters der Sparkasse Fulda, und Sebastian Emmert, Generalbevollmächtigter der VR Bank Fulda, eine Einschätzung. Kramm hielt die Ergebnisse für wenig verwunderlich, „denn dieser ganze Straus von strukturellen Problemen ist von der Politik im letzten Jahr weder angegangen noch gelöst worden.“ Die in der Konjunkturumfrage häufig genannte starke Verunsicherung sei auch im Alltag wahrnehmbar. „Das deckt sich mit dem, was wir auch in den Gesprächen mit den Unternehmerinnen und Unternehmern erleben“, sagte Kramm. Beim Blick auf das Kreditgeschäft sei bei den Geschäftskunden ein deutlicher Rückgang bei Investitionen in klassischen Bereichen wie Maschinen und Fahrzeuge festzustellen. Dafür hätten mehr Unternehmen als in Vergangenheit erhöhte Liquiditätsbedarfe. Emmert berichtete, dass beim Blick auf das gesamte Kreditportfolie im Jahr 2024 ein Wachstum habe verzeichnet werden können. Im Privatbereich hätten Modernisierungen, Sanierungen und Renovierungen das Bau-Thema am Leben gehalten, während die Kunden bei Neubau und Kauf deutlich zurückhaltender gewesen seien. Im gewerblichen Segment sei die Zurückhaltung deutlich zu spüren gewesen. „Es gibt zu viele Unsicherheiten bei den Rahmenbedingungen“, sagte Emmert, der damit rechnet, dass sich dies im ersten Halbjahr 2025 auch noch nicht ändern wird.

 

Zahl der Unternehmensinsolvenzen noch unter Vor-Corona-Niveau

Wolfram Busold, Geschäftsführer der Creditreform Kassel/Fulda Schlegel & Busold, blickte auf die Zahl der Insolvenzen und den Schuldenatlas. Seit 2023 habe sich einiges verändert. „Wir sehen steigende Zahlen bei den Unternehmerinsolvenzen, aber auch auf Verbraucherseite“, sagte Busold. Mit dabei seien da auch Corona-Nachwirkungen, denn während der Pandemie war die Insolvenzanzeigepflicht zeitweise ausgesetzt. Im Landkreis Fulda liege die Zahl der Unternehmensinsolvenzen trotz des Anstiegs  von 31 in 2023 auf 36 im Jahr 2024 noch immer unter dem Vor-Corona-Niveau. „Die Zahlen zeigen, dass unsere Region gut mit wirtschaftlichen Krisen umgehen kann. Mit Blick auf die zu erwartenden Insolvenzen in diesem Jahr sagte Busold: „Die Welle hat die deutsche Wirtschaft erreicht, aber in einer abgeschwächten Form.“ Beim Blick in den Schuldenatlas lasse sich feststellen, dass die Überschuldungsquote in Deutschland weiter gesunken sei.

 

Kein kräftiger Aufschwung zu erwarten

„Die Weltkonjunktur ist insgesamt schwach, allerdings ist die Situation, wenn man auf unser Land schaut, nochmal deutlich trüber“, sagte Prof. Dr. Tobias Knedlik, Dekan des Fachbereichs Wirtschaft der Hochschule Fulda und Professor für Volkswirtschaftslehre. Positiv falle auf, dass die Prognosen der unterschiedlichen Institute die Inflation 2025 zurück auf Zielniveau sehen. Das Produktionsniveau hingegen liege auf dem Wert von 2019, müsste aber üblicherweise um 1,0 bis 1,5 Prozent wachsen pro Jahr. Die Gründe für all das seien vielfältig. „Was über allem liegt derzeit ist die starke Unsicherheit, die wir spüren im Land“, machte auch Knedlik deutlich. Während die Staatsausgaben vermutlich zu Beginn des Jahres erstmal niedrig bleiben, dürfte der Konsum nach der Reallohnsteigerung anziehen, berichtete der Professor: „All das führt aber aller Wahrscheinlichkeit nicht dazu, dass wir in diesem Jahr mit einem kräftigen Aufschwung rechnen dürfen.“ Eher werde es auf geringe Zuwächse hinauslaufen. Risiko bleibe die Unsicherheit, die während der Zeit der Ampel-Regierung auf einen historischen Höchststand geklettert sei – sogar deutlich über den Werten zu Beginn der Corona-Krise liege.

Zum Abschluss ließ Konow die vier Experten tippen, wo der DAX-Schlusskurs und der EZB-Leitzins am 31. Dezember 2025 liegen werden und wie hoch die durchschnittliche Inflation in diesem Jahr sein wird. Er löste auch auf, wer im Vorjahr am besten getippt hatte, es war die VR-Bank – damals vertreten durch Vorstand Thomas Sälzer. Er war mit seinen Tipps beim Leitzins am nächsten dran und bei den anderen beiden Werten jeweils auf dem zweiten Platz gelandet.