Tennis 27.12.2025

Zwischen Weihnachten und Vorbereitung – Reinhard in LA angekommen

Fulda/Los Angeles (pf) – Ein heranwachsender Tennis-Stern auf Heimatbesuch: Nach seinen ersten drei Monaten in den USA kehrte Bengt Reinhard für die Weihnachtsfeiertage zurück nach Fulda. Der 18-Jährige ist mittlerweile angekommen an der University of California in Los Angeles (UCLA). Dem großen Ziel der Profikarriere ordnet Reinhard alles unter, und hatte beim Treffen mit Osthessen-Zeitung viel zu erzählen.

Auch in Deutschland trägt Bengt Reinhard stolz sein UCLA-Outfit. Fotos: Philip Röttger

Im Gespräch mit OZ-Redakteur Pascal Fischer. Foto: Ralph Görlich

Mitte September ging es mit dem Flieger rüber nach LA. „Es war die längste Zeit, die ich bisher von zuhause weg war“, sagt Bengt Reinhard, hatte aber schnell die Erkenntnis gewonnen: „Dort ist jetzt die Heimat. Wenn ich hierher nach Fulda komme, ist es wie Urlaub“. Direkt nach Neujahr geht es für ihn zurück in die „City of Angels“, dann startet auch früh schon die neue Tennis-Saison.

Das Talent hatte sich im vergangenen Sommer für die UCLA entschieden, hatte bei seinem ersten Besuch schon einiges gesehen, aber längst nicht alles: Mit Google Maps musste er anfangs auf dem Campus die Klassenräume suchen, hatte lange Fußwege. „Es ist alles sehr beeindruckend. Es gibt super Bibliotheken, eigene Computerräume, so viel Neues“. Die Sportler sind an der Uni dabei in einer eigenen „Bubble“, und dürfen sich wie VIPs am Campus fühlen: „Wir haben eigene Rucksäcke mit Namen, das ist ein Erkennungsmerkmal“, berichtet der Fuldaer. Außerdem gibt es stetigen Zugang zu Physios und eigene Buffets mit Proteinquellen, während in der anderen Dining Hall eher an Junkfood erinnere: „Und die Amerikaner haben alles“.

Tennis ist an der UCLA eine der kleineren Sportarten, während Basketball und American Football über allem stehen. „Die Basketball-Halle ist riesig“, sagt Reinhard. Auch dort haben die Athleten der Uni freien Zugang und eigene Plätze. Nur das Rose Bowl-Footballstadion der UCLA Bruins liegt außerhalb und ist schwer zu erreichen, da es in LA weder Bus noch Bahn gebe. Während das Basketballstadion knapp 14.000 Besucher fasst, können ins Tennisstadion, das für Olympia 1984 gebaut worden war, zumindest 5000. Mit den Basketballern und Footballern habe Reinhard aber kaum Kontakt: „Das sind echte Stars dort, die ein eigenes Gelände haben“.

„Auf einmal war ich frei“
Schon in den ersten Monaten bekam Reinhard die Größenverhältnisse in den USA zu spüren: Beim allerersten Doppelturnier mischte sich Ex-Tourspieler Sam Querrey unter die Zuschauer, lenkte aber zumindest nicht zu sehr ab: „Wir haben klar gewonnen. Aber da wusste man: Jetzt bin ich da“. An den Hardcourt musste sich Reinhard auch erst gewöhnen, ebenso auch ans Klima: In Arizona war es brütend heiß, Reinhard lag in einem Match weit zurück. Der südafrikanische Assistant Coach Rikus de Villiers, der selbst früher als Freshman in Pepperdine einen schweren Start erwischte, verstand die Nervosität des Fuldaers: „Er hat mir geholfen. Es gab einen Moment, und auf einmal war ich da. Auf einmal hat alles Sinn gemacht und ich war frei“.

Athletisch war Reinhard gut vorbereitet, muss aber dennoch zugeben: „Das Training ist brutal“. Doch die Wiederholungen machen sich mehr und mehr bemerkbar, bilanziert Reinhard bei seinem Heimatbesuch in Fulda: „Wenn ich hier spiele, merke ich, dass ich stärker geworden bin. Man ordnet dem Sport alles unter“. Doch er spricht auch von einer gewissen Mentalität, die in den USA Standard ist. „Das Niveau ist sehr hoch, der Kampf hilft. Aber am Anfang fiel es mir noch schwer – man hat auf einmal das Logo auf der Brust und spielt für die Uni, die dich rekrutiert hat“.

Rund 25 Stunden Tennis stehen in der Woche auf dem Plan. Das tägliche Pflichtprogramm aus Tennis- und Athletiktraining, dazu mehrmals morgens individuelle Einheiten mit den Coaches. Dazu kommen knapp zehn Stunden Unterricht, und Zeit fürs Lernen. Die Kurse besucht Reinhard außerhalb der Tennisstunden, das Volumen sei groß, doch die ersten starken Noten sprachen für den 18-Jährigen, obwohl Multiple Choice „gar keinen Spaß“ macht.

Die Coaches der Tennis-Herren der UCLA haben große Namen: Head Coach Billy Martin, der knapp 70 ist, stand früher unter den Top 35 der Welt und gewann unter anderen das French Open Mixed-Doppel in 1980. „Er will, dass wir menschlich wachsen. Das passt echt top“, sagt Reinhard. Ein Assistant Coach ist Rikus de Villiers, der mit Fachwissen glänze, der zweite Assistant Coach ist Wil Martin – Sohn von Billy – und betreut den Athletikbereich.

„Die Trainer geben Chancen“
Die neue Saison startet Mitte Januar, dann stehen jedes Wochenende Matches in der Big 10 Conference an, der die UCLA angehört. Auswärtsreisen mit mehreren Flugstunden warten, Zeit für Sightseeing bleibt nicht viel. „Ich war noch nicht einmal in der Stadt“, sagt Reinhard, der dafür schon einige Strände wie Santa Monica oder Malibu besuchte. Ein Teamkollege wohne sogar in der Luxus-Gegend Beverly Hills – „und das Haus war sehr beeindruckend“.

Gespielt wird dann immer mit sechs Akteuren, jeweils drei Doppel und sechs Einzel. Im Männer-Tennisteam streiten sich zehn Athleten um die Plätze – für Reinhard im ersten Jahr ein harter Kampf. „Die Trainer geben Chancen“, weiß er, doch will sich bestens vorbereiten. Dafür trainiert er zuhause auch über Weihnachten. Acht Spieler fliegen derweil immer auswärts mit, und die beiden, die nicht spielen, übernehmen mehr eine „Cheerleader-Funktion“, lacht der 18-Jährige, der mit Leo von Bismarck einen Landsmann aus Hamburg im Team hat. In der Vorsaison erreichte die UCLA das Viertelfinale, in 2026 soll es ins Final Four gehen – mindestens. „Das Team ist heiß“, versichert Reinhard. Doch die Konkurrenz ist stark: Die San Diego University beispielsweise komme mit einem Akteur, der in Wimbledon schon gegen Alcaraz spielte. Das UCLA-Team verlor hingegen einen ehemaligen French Open Juniors Sieger.

Treffen mit Fritz oder Tiafoe
Eingelebt hat sich Reinhard zumindest bestens, kennt die Legenden aller Sportarten der Bruins und erlebte mit, wie eine nationale Meisterschaft gefeiert wird: Sein Zimmerkollege ist Wasserballer, „er hatte drei Tage lang keine Stimme“. Auch mit zwei Golfern verstehe er sich gut, und mit etwas Geduld ist Reinhard bald auch Sparringspartner von Weltstars: Diverse Spieler trainieren ab und an in LA, wie Taylor Fritz, Venus Williams oder Frances Tiafoe, mit dem Reinhard sogar schon ein Wort wechselte. Ex-Profi Maxime Cressy, der wegen einer chronischen Verletzung pausiert und früher schon an der UCLA spielte, studiert derweil aktuell Mathe dort.

Heimweh verspürte Reinhard bisher noch nicht: „Es fühlte sich erst an, wie ein langer Urlaub“. Dass er die richtige Entscheidung getroffen hat, davon ist er aber überzeugt: „Es passt menschlich einfach gut. Sportlich und auch akademisch war es richtig. Aber ich merke auch, dass man weit von Fulda weg ist. Ich habe hier eine Community. Das war ein großer Schritt, aber man wird eben erwachsen“.

Vor Weihnachten spielte Reinhard noch ein Show-Doppelturnier in Waldshut-Tiengen nahe der Schweiz, trainiert nun bis zu seiner Abreise in die USA und hat große Ziele: In maximal vier Jahren will er das College abschließen und auf die Profi-Tour gehen. In der aktuellen Verfassung sehe er dazu „keine Chance“, doch steht ja auch erst ganz am Anfang. Im Juni 2026 stehen dann die Endprüfungen des Jahres an, dann reist er wieder nach Deutschland und spielte hier 2. Bundesliga: Reinhard wechselte von Sprendlingen nach Pforzheim, wollte „neues sehen“. Damit hat der 18-Jährige keine Offseason, doch kann weiter Tennis spielen. „Es macht einfach sehr viel Spaß“.

Im März will ihn die Familie erstmals in Los Angeles besuchen. Einen Tipp hat er bereits: „Ich habe viel zu viel eingepackt, habe noch keinen einzigen Pullover gebraucht“. Bei über 20 Grad Celsius dürfte das auch im Frühjahr noch nicht nötig sein.

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