Boxen/Kickboxen 09.12.2025

Widerständen zum Trotz: Öztürk holt WM-Silber in Abu Dhabi

Abu Dhabi/Eichenzell – Von Janosch Hensel – Nach seiner schweren Knieverletzung vor knapp sieben Monaten stand Cemal Öztürk wieder auf der größten Bühne seines Sports – und kehrte aus Abu Dhabi mit der Silbermedaille zurück. Bei den WAKO-Weltmeisterschaften holte der 21-jährige Kickboxer aus Stadtallendorf den Vizeweltmeistertitel in seiner Gewichtsklasse – trotz gebrochener Hand. Ein Erfolg, der ohne das außergewöhnliche Zusammenspiel aus Medizin, Training, Physiotherapie und mentaler Stärke kaum denkbar gewesen wäre.

Cemal Öztürk (mit Medaille) wurde trotz gebrochener Hand immerhin Zweiter bei den Weltmeisterschaften in Abu Dhabi. Zuvor hatten Michael Franz und das Team vom Zentrum Mensch alles gegeben, um den Kickboxer fit zu bekommen. Foto: Janosch Hensel

Nur wenige Tage nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Arabischen Emiraten blickte Öztürk am Montagmittag im Zentrum Mensch in Eichenzell auf seine intensive Reise zurück. Noch im Frühjahr hatte niemand sicher sagen können, ob er bei den Weltmeisterschaften überhaupt würde antreten können. Anfang April war er am vorderen Kreuzband und am Meniskus operiert worden – was folgte, war ein Wettlauf gegen die Zeit. In enger Abstimmung zwischen dem Fuldaer Unfallchirurgen Dr. Jörg Beardi, Physiotherapeut Michael Franz vom Zentrum Mensch in Eichenzell, seinem Trainer Andreas Riem sowie der Bundeswehr-Sportfördergruppe arbeitete Öztürk an seinem Comeback. Wöchentlich legte er hunderte Kilometer für Training und Therapie zurück. Durch die enge medizinische Betreuung konnten Reha-Phasen verkürzt, Belastungen früher gesteigert und das Knie Schritt für Schritt wieder wettkampftauglich gemacht werden – ein Weg, der viel Vertrauen auf allen Seiten erforderte.

In Abu Dhabi zahlte sich dieser enorme Aufwand aus. Öztürk kämpfte sich souverän bis ins Finale vor: In der ersten Runde gewann er klar mit 3:0 gegen Jamal Almabrouk Atubal Mohamed, im Viertelfinale folgte ein weiterer 3:0-Erfolg gegen den Bulgaren Ali Yuzeir. Auch das Halbfinale entschied der Stadtallendorfer deutlich mit 3:0 gegen Ricardas Kulis für sich – zog sich dabei aber die nächste Verletzung zu: „Nach dem Halbfinale habe ich gemerkt, dass die Hand gebrochen ist“, berichtete Öztürk, der Anfang Dezember nach neun Tagen in Abu Dhabi in die Heimat zurückgekehrt war: „Die drei Kämpfe zuvor habe ich souverän gewonnen, trotz der körperlichen Nachteile.“ Immerhin konnten sich seine Gegner in zahlreichen Turnieren auf Wettkampfniveau auf die Weltmeisterschaften vorbereiten, während der 21-Jährige hart arbeitete, um überhaupt im Wüstenstaat an den Start gehen zu können. Dennoch dominierte Öztürk auf seinem Weg ins Finale – und schlug mit Ali Yuzeir unter anderem einen Profikämpfer, der seine Visitenkarte auch schon in Osthessen abgegeben hat: Beim Battle of Barock im April trat Ali gegen Sergej Braun von Brauns Gym in Fulda an – und ähnlich wie sein Trainingspartner ließ Öztürk dem steinharten Bulgaren keine Chance. Im Finale wartete schließlich der Kroate Vito Kosar – „ein Gegner, den ich bereits zwei Mal schlagen konnte. Deswegen wollte ich auch unbedingt antreten. Ich habe hier im Zentrum Mensch sieben Monate gearbeitet, und es wäre schade gewesen, wegen der gebrochenen Hand das Handtuch schon im Vorfeld zu werfen.“

Michael Franz sah das ähnlich: Der Physiotherapeut war während Öztürks Aufenthalt in Abu Dhabi in permanenten Kontakt mit dem 21-Jährigen, stand ihm in zahlreichen Telefonaten und Videocalls zur Seite – auch, als es um die Entscheidung ging, ob Öztürk angesichts der gebrochenen Hand zum Finale in den Ring würde steigen können. „Aus rein medizinischer Sicht hätte ich wahrscheinlich geraten, nicht anzutreten. Aber es ging um die Weltmeisterschaften und ein Ziel, auf dass Cemal sieben Monate lang mit Hingabe und einer außergewöhnlichen Disziplin hingearbeitet hat“, erläuterte Franz: „Und wenn man im Ring merkt, es geht nicht, kann man immer noch aufgeben.“

Gemeinsam stand die Entscheidung also schnell fest, sich nicht kampflos geschlagen geben zu wollen – und gegen Vito Kosar hielt Öztürk durchaus mit, es entwickelte sich ein Kampf auf Augenhöhe, an dessen Ende sich der Kroate aber nach Punkten durchsetzen und sich die Goldmedaille sichern konnte. „Natürlich hat die Hand eine Rolle gespielt, aber ich konnte über drei Runden wirklich ein hohes Tempo gehen. Letztendlich hatte er durch meine Verletzung vielleicht diesen einen Vorteil mehr, der den Ausschlag gegeben hat“, ließ Öztürk den Kampf um die Goldmedaille Revue passieren, nicht ohne eine gewisse Enttäuschung, aber bereits mit klarem, fokussierten Blick auf die Zukunft: „Insgesamt muss man wahrscheinlich zufrieden sein, es war ja auch mit Hinblick auf die Knieverletzung im Vorfeld schon ein gewisses Risiko“, bilanzierte der Kickboxer: „Es geht im nächsten Jahr auf jeden Fall weiter, wir werden weiter arbeiten, um noch stärker zurückzukommen. Die Ausdauer hat jetzt gepasst, die körperlichen Voraussetzungen waren eben nicht die besten. Aber vielleicht hat es das Schicksal so gewollt“, sagte Öztürk und betonte gewohnt selbstbewusst: „In zwei Jahren will ich den Weltmeistertitel holen.“

Trotz aller Enttäuschung ist die WM-Silbermedaille für Cemal Öztürk dennoch nicht nur ein sportlicher Meilenstein, sondern auch der Beweis, dass sich der kompromisslose Kampf zurück in den Leistungssport gelohnt hat. Mit dem Vizeweltmeistertitel im Gepäck richtet sich der Blick also bereits auf die kommenden Aufgaben – dann hoffentlich ohne verletzungsbedingte Rückschläge im Vorfeld.