Am Infostand in der unteren Bahnhofstrasse informierten Mitarbeitende den gesamten Nachmittag über aktuelle Entwicklungen beim Thema HIV und Aids. Viele Besucher suchten das Gespräch, nutzten Testberatungen oder unterstützten die Arbeit der Aidshilfe mit dem Kauf der Aids-Teddys, die erneut großen Zuspruch fanden. Am frühen Abend wurde der Menschen gedacht, die an den Folgen von HIV und Aids gestorben sind. Die musikalische Gestaltung wurde von Band Zero Rescue übernommen, die sich kurzfristig bereit erklärt hatte, mitzuwirken. Parallel öffnete die Aidshilfe ihre Räume in der Heinrichstrasse. Bei einem kleinen Imbiss entstanden zahlreiche Gespräche über Prävention und Versorgung.
In ihrer Rede während der Gedenkfeier zeigte Susanne Maul, Geschäftsführerin der Aidshilfe Fulda, die weltweiten Entwicklungen auf. Rund 41 Millionen Menschen lebten derzeit mit HIV, viele von ihnen seien dringend auf stabile medizinische Versorgung angewiesen. Da wichtige Geldgeber wie die USA ihre Unterstützung zurückgezogen hätten, rechne die UNAIDS bis 2029 mit vier Millionen zusätzlichen Todesfällen und sieben Millionen Neuinfektionen. Diese Zahlen stünden für Schicksale, Biografien und Perspektiven, sagte Maul. Vor diesem Hintergrund sei das Motto „Gemeinsam. Gerade jetzt.“ eine klare Aufforderung, nicht nachzulassen.
Maul machte auch die Lage in Deutschland deutlich. Die Zahl der Neuinfektionen sei im vergangenen Jahr auf rund 2300 gestiegen. Insgesamt lebten fast 100.000 Menschen mit HIV im Land. Besonders Männer, die Sex mit Männern haben, und drogengebrauchende Menschen seien überproportional betroffen. Der Eindruck, das Thema sei erledigt, sei falsch. HIV bleibe eine reale Herausforderung. In Fulda würden sich die Probleme in besonderer Schärfe zeigen. Trotz moderner Therapien gebe es nur eine einzige Praxis, die Menschen mit HIV behandle, so Maul. Viele seien gezwungen, für medizinische Betreuung nach Frankfurt, Würzburg, Gießen oder Kassel zu fahren. Für manche sei das kaum zu leisten. Zudem würden Betroffene weiterhin von Diskriminierungserfahrungen im Gesundheitswesen berichten. „Eine Stadt wie Fulda darf sich eine solche Versorgungslücke nicht leisten“, sagte Maul.
Auch bei der Prävention sei die Lage kritisch. Die medikamentöse Prophylaxe PrEP werde zwar übernommen, doch in Fulda gebe es keinen Arzt, der sie verschreibe. Testangebote für sexuell übertragbare Infektionen könnten nur eingeschränkt vermittelt werden. Das Streetwork-Team der Aidshilfe erreiche drogengebrauchende Menschen regelmäßig, doch die Risiken nähmen zu. Ein geplanter Spritzenautomat sei ein wichtiger Schritt, löse aber nicht das Grundproblem. Für besondere Verunsicherung sorge die bevorstehende Schließung der einzigen Substitutionspraxis im Stadtgebiet. Anfang des kommenden Jahres ende dort die Versorgung, eine Nachfolge sei nicht in Sicht. Viele Betroffene stünden vor erheblichen gesundheitlichen Risiken. Maul sprach von einem deutlichen Warnsignal für die gesamte Region.
Auch Prof. Dr. Mike Laufenberg von der Hochschule Fulda erinnerte an die über 44 Millionen Toten seit Beginn der Epidemie. Trotz moderner Therapie seien Ungleichheiten beim Zugang zu Medizin weiterhin gravierend. In vielen Ländern, aber auch in Teilen Deutschlands, seien spezialisierte Angebote nicht ausreichend vorhanden. Angesichts steigender Infektionszahlen sei es notwendig, Diskriminierung entschieden entgegenzutreten und Präventionsprogramme zu stärken.
Im Gespräch mit der Osthessen-Zeitung betonte Maul, weshalb der Welt-Aids-Tag weiterhin wichtig sei. Menschen mit HIV seien noch immer Vorurteilen und Stigmatisierung ausgesetzt. In Zeiten gekürzter Mittel und steigender Infektionen sei Aufklärung dringlicher denn je. Sie riet dazu, vorhandene Testangebote zu nutzen und Verantwortung zu übernehmen: „Es ist wichtig, seinen Status zu kennen und keine anderen Menschen zu infizieren.“ Die Veranstaltung habe gezeigt, dass Solidarität und verlässliche Strukturen weiterhin notwendig seien – in Fulda und darüber hinaus.
