Die Vorzüge, eine derartige Initiative in der Region Fulda zu starten, lagen auf der Hand und wurden in den Begrüßungsworten genannt: „Es ist ein großes Pfund, das wir in unserer Region nutzen können: Zusammen zu lernen und zu Netzwerken“, machte Pia Groß deutlich, die im neu gegründeten WIN-Netzwerk auch für das Thema Fachkräfte zuständig ist. Julian Bolz von der Region Fulda GmbH, der Ausbildungs-Experte des Netzwerks ist, freute sich über die unerwartet große Resonanz von Unternehmen und Institutionen: „Das ist eine Bestätigung für uns“. Peter Gitzler ist dritter Projektmanager und der Mann für Wissenstransfer.
Das Projekt WIN-Netzwerk unter der Förderlinie „JobVision“ möchte Unternehmen auf die Herausforderungen des demografischen Wandels vorbereiten: Dieser wird „zuschlagen“, sagte Bolz, der in diesem Zusammenhang Schlagworte wie Fachkräftemangel und Zukunftssicherung nannte. Zweitere sei durch Wissenstransfer möglich, doch das wiederum ist ein riesengroßes Gebiet, wie Peter Gitzler anfügte.
In einem Video-Grußwort sprach Bundestagsabgeordneter Michael Brand, der in Bonn weilte, von „gut angelegtem Geld“: Denn das Bildungsministerium fördert JobVision-Projekte bundesweit, so auch in Fulda, mit 560.000 Euro. Brand „schmerzte“ es, nicht selbst bei der Auftaktveranstaltung vor Ort sein zu können, hob aber die guten Erfolgsaussichten dank „verlässlicher Partner“ in Osthessen hervor: „Und wir wollen als Bundesregierung weitere Impulse für noch stärkere Netzwerke geben“.
Das Projekt ist zunächst bis 2028 angesetzt, Bolz sprach dabei von digitalen Hilfen für die Unternehmen durch Downloadmöglichkeiten von Formularen, aber auch Netzwerk-Veranstaltungen, die ab März 2026 starten sollen. Ziel sei es, Wissen zu sichern, Ausbildung und Integration zu fördern. Profitieren können ältere Belegschaften, Azubis und internationale Fachkräfte gleichermaßen. Gitzler sprach anschließend speziell darüber, wie Wissenstransfer von den „Babyboomern“ hin zum Nachwuchs gelingen könne und sich Unternehmen strukturell darauf vorbereiten können. Denn das Rentenalter rücke bei vielen Mitarbeitern näher, und jene „Maschinenflüsterer“, wie er sie beispielhaft nannte, gehen den Unternehmen aus: „Branchen mit hohen Erfahrungswerten wie Maschinenbau, Energie oder öffentlicher Dienst sind besonders betroffen“. Dabei sei Wissen „die einzige Ressource, die sich vermehrt, wenn man sie teilt“. Gitzler gab daher den Denkanstoß, dass die alte Kultur unter dem Motto „Alleiniges Wissen ist Macht“ etwas abgelegt werden müsse. Denn: „Man sollte es teilen“.
In einer Podiumsdiskussion kamen einige der „Gründungsmitglieder“ des Netzwerks zu Wort. Isabell-Jasmin Polny, Teamleiterin in der Personalentwicklung des Klinikums Fulda, nehme beispielsweise den Wissensverlust wahr: „Es kommt bei über 3500 Mitarbeitern schon häufig vor“. Sie sehe Wissensmanagement als große Herausforderung für die Zukunft, auch in Sachen Wettbewerbsfähigkeit, sprach aber auch über Chancen im digitalen Zeitalter, wie zum Beispiel die KI. Ina Rohde, Personalleiterin beim MineralBrunnen RhönSprudel, schlug in die gleiche Kerbe: Als das Netzwerk auf sie zukam, hatte sie das Gefühl, „ertappt zu werden“: Technische Lösungen seien ein wenig wie ein „Rettungsanker“. In ihrem Unternehmen erlebte sie das Beispiel, dass ein Elektriker kurz vor der Rente stand, Arbeiten aber länger aufgeschoben worden waren. Dieser lerne nun noch sechs Monate jemand neuen an. Wissensverlust sei „kein lauter Knall“, stellte Rohde fest, „sondern Wissen verschwindet langsam, in einem Promilleanteil“. Martin Hoogen, Geschäftsführer von Cheops-Wohnnatur, verglich Wissen mit einem Haustier: „Man muss gut damit umgehen, jeder muss etwas dafür tun“. In seinem familiären Unternehmen sei es „Schwarmwissen“, das geschützt und weitergegeben werden müsse – einer helfe dem anderen. Aber er warnte auch: „Wir werden irgendwann ohne zugewanderte Fachkräfte nicht mehr auskommen. Sonst gehen die Lichter aus, nicht nur im Handwerk“. Für die „Eisheiligen“ sprach Inhaber Michél Günther über die Bedeutung von digitalen Strukturen: Im Betrieb aus Hettenhausen sei ein Intranet mithilfe von Studierenden aus Fulda entwickelt worden, sodass nun „mindestens zwei Personen die gleiche Aufgabe lösen können“. Denn er habe es erlebt: Als eine Mitarbeiterin im Urlaub war, gab es plötzlich ein Problem mit Barcodes, das niemand lösen konnte.
Julian Bolz lud die Unternehmen ein, Teil zu werden: Unter https://win-netzwerk.de/ gibt es Anmeldungsmöglichkeiten und Infos. Pia Groß betonte noch: Das Netzwerk lebe von „den Bedarfen der Unternehmen“ und wolle maßgeschneiderte Lösungen entwickeln. Neben den genannten gehören auch bereits die Hochschule Fulda und bytewerk zum Netzwerk. Die Auftaktveranstaltung in der N4-Eventlocation jedenfalls, der auch IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Konow beiwohnte, war gelungen, und klang bei Zwibbelsploatz und Kartoffelsuppe vom Nelles-Team aus.
