Lokales FD 27.12.2025

Finanzieller Druck steigt – OB will lebendige Stadt weiter gestalten

Fulda – Von Jasha Günther – Fulda lebendig für die Zukunft gestalten – dieser Aufgabe stellt sich die Stadt auch in finanziell herausfordernden Zeiten. Dazu gehören für Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld viele Faktoren, zum Beispiel das Schaffen von Rahmenbedingungen für eine florierende Innenstadt und bezahlbares Wohnen gerade für junge Menschen sowie der Ausbau des Gesundheits- und Bildungsstandorts. Vieles davon bedinge sich auch gegenseitig, wie Wingenfeld am Beispiel des Neubaus der Cuno-Raabe-Schule und den Auswirkungen auf das gesamte Quartier Gallasiniring aufzeigt.

Von links: Osthessen-Zeitung-Chefredakteur Ralph Görlich und Redakteur Jasha Günther im Gespräch mit Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld. Foto: Christine Görlich.

„Wir stehen, wie fast alle Städte und Gemeinden in Hessen und in Deutschland unter großem Druck, denn wir haben auf der einen Seite geringer werdende Einnahmen – bei uns ist beispielsweise die Gewerbesteuer aktuell rückläufig gegenüber den vergangenen Jahren – und auf der anderen Seite steigende Ausgaben“, sagt Wingenfeld und verweist insbesondere auf steigende Personal- und Baukosten sowie steigende Aufwendungen des Sozialetats. Dass Großveranstaltungen wie der Hessentag und die Unterstützung des breiten Kulturangebots weiter für die Stadt so leistbar sind, hat zwei Gründe. „Der Hessentag ist ein Sonderfall, weil wir ja 2021 Gastgeber sein sollten und nun zweimal die investive Förderung erhalten haben“, erklärt Wingenfeld. Für den Rest sei die vor zwei Jahren eingeführte Tourismusabgabe eine wichtige Säule. „Nur die ermöglicht uns solche freiwilligen Leistungen wie die Organisation von Kultur- und Sportveranstaltungen von überregionaler Bedeutung, denn die Mittel aus der Tourismusabgabe müssen zweckgebunden eingesetzt werden“, erläutert der Oberbürgermeister. Bei zwei Euro pro Übernachtung und rund 700.000 Übernachtungen pro Jahr stehen der Stadt so rund 1,4 Millionen Euro für kulturelle Angebote zur Verfügung. „Von daher können wir, trotz unserer finanziellen Sorgen, die wir auch als Stadt Fulda haben, hier absolute Verlässlichkeit bieten“, sagt Wingenfeld, der auch den Hoteliers dankt, dass sie den Prozess positiv begleitet hätten.

 

Lebendige Innenstadt ist kein Selbstläufer

Auch über das Kulturangebot hinaus hat es sich die Stadt zur Aufgabe gemacht, die Entwicklung der Innenstadt gemeinsam mit den verschiedenen Akteuren weiter voranzutreiben. „Es ist heute eine zentrale Aufgabe einer Stadt, sich für eine aktive Innenstadt einzusetzen“, sagt Wingenfeld: „Es ist eben kein Selbstläufer, dass eine Innenstadt lebendig ist, weil sich das Einkaufs- und Konsumverhalten grundlegend geändert hat.“ Es brauche einen guten Nutzungsmix. „Auf Handel allein wird man nicht setzen können“, ist sich Wingenfeld sicher: „Wir bemühen uns immer wieder neue Impulse zu senden.“ Ein Beispiel sei das neue Angebot „KAF“ im Karl für Kinder und Familien, das sehr gut angenommen werde, oder das Karlchen vom Dach. Die Stadt sei kein Gastronom, wolle kein Kaufhaus betreiben und sei selten Vermieter, aber mit Projekten wie dem Karl könnten Impulse gesetzt werden. „Am Ende des Tages braucht es verantwortungsvolle Unternehmerinnen und Unternehmer, und die wiederum brauchen eine Chance, Räumlichkeiten nutzen zu können.“ Deshalb wendet sich Wingenfeld auch an alle Vermieter in der Innenstadt: „Eine Immobilie ist nachvollziehbarerweise für viele auch eine Kapitalanlage, aber ich appelliere an alle Eigentümer, auch dem Handel, der Gastronomie eine Chance zu geben, denn wir leben davon, dass es mutige Akteure gibt, die etwas Neues anbieten.“ Beispiele dafür gebe es in der Innenstadt immer wieder.

 

Mit Lebensqualität im Wettbewerb um Fachkräfte punkten

„Generell gilt mit Blick auf die Ausgaben der Stadt, dass wir natürlich unsere Investitionen noch strikter auf den Prüfstand stellen müssen“, sagt Wingenfeld. Das größte Investitionsvorhaben der Stadt derzeit ist der Neubau der Cuno-Raabe-Schule – eine der größten Grundschulen der Stadt. In das bisherige Gebäude soll dann die Klinikschule einziehen. Der Gallasiniring werde dadurch mehr und mehr zu einem attraktiven Quartier für Bildung und das Thema Gesundheit, nachdem dort in diesem Jahr auch bereits eine Arztpraxis eröffnet hat. Mit dem Neubau der Cuno-Raabe-Schule werden also nicht nur die Rahmendbedingungen für die Grundschüler verbessert. „Wir schaffen zugleich eine neue Entwicklung fast im Herzen der Stadt, denn der Gallasiniring ist nur wenige Minuten vom ICE-Bahnhof entfernt“, macht Wingenfeld deutlich: „Es ist ein Beispiel, dass Stadtentwicklung nicht bedeutet, immer weiter nach außen zu gehen, sondern auch die Lebensqualität im städtischen Raum zu verbessern.“

Ein attraktives Lebensumfeld für die Menschen zu bieten, werde gerade auch in Zeiten des Fachkräftemangels immer wichtiger. Dazu brauche es ein Gesamtpaket mit Wohnraum, Kitas, Schulen, Kultur- und Sportangeboten. „Ich bin froh, dass am Waidesgrund jetzt tatsächlich 400 Wohneinheiten entstehen“, blickt Wingenfeld auf die Projekte, die – durch die Corona-Pandemie etwas später als ursprünglich geplant – jetzt auf dem Gelände der ehemaligen Kleingartenanlage umgesetzt werden. Das Siedlungswerk baut bereits, für das „Junge Wohnen“ des Klinikums laufen die Erdarbeiten. „Wenn wir als Stadt Fulda punkten können mit bezahlbarem Wohnraum schon für junge Menschen, gerade im Studium oder in der Ausbildung, ist das aus unserer Sicht ein ganz wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Stadtentwicklung, denn wir brauchen insgesamt für die Wirtschaft junge Menschen.“

Ein gutes Beispiel dafür, dass es gelingen kann, junge Menschen, wenn sie erstmal da sind, für Fulda zu begeistern, sei der erste Jahrgang an Medizinstudierenden, der seine beiden klinischen Studienjahre komplett in Fulda absolviert hat. Beim Empfang vor zwei Jahren hätten die meisten Wingenfeld erzählt, zufällig nach Fulda gekommen zu sein, weil sie in Marburg nicht weiterstudieren konnten. Vor kurzem traf er sie nach erfolgreicher Prüfung wieder. „Jetzt haben mir die allermeisten erzählt, dass sie ihr praktisches Jahr im Rahmen ihrer Medizinerausbildung auch in Fulda machen, und so haben wir hier eine viel bessere Bewerberlage“, sagt Wingenfeld. Auch mittel- und langfristig werde das der Qualität der medizinischen Versorgung in der Region zugute kommen. Was das Thema Wohnen nicht nur für Studierende, sondern auch für junge Menschen, die für eine Ausbildung neu in die Region kommen, angeht, war Fulda in Hessen mit dem Projekt Pings von Kolping einer der Vorreiter. „Das braucht die Wirtschaft“, weiß Wingenfeld und gleiches gelte auch die Stadt selbst als Arbeitgeber und unter anderem Träger von 18 Kitas: „Auch wir haben mittlerweile ein großes Interesse daran, bei Bedarf für Azubis Wohnraum anbieten zu können.“

 

Mit Zahnklinik noch mehr zur Stadt der Bildung werden

Als einen weiteren Baustein, der mehrere Ziele in Einklang bringen kann, sieht Wingenfeld das Vorhaben, einen Studiengang für Zahnmedizin in Fulda anzusiedeln. Auch dies könne die Versorgungssituation in der gesamten Region Osthessen stärken. „Es wäre schön, wenn es gelingt, ein solches Universitätsangebot direkt in der Innenstadt zu etablieren, weil eine Stadt aus meiner Sicht auch davon lebt, als zukunftsorientierte Stadt, als Stadt der Bildung wahrgenommen zu werden“, sagt der Oberbürgermeister: „Mein Ziel wäre es, dass das Thema Bildung dazu beiträgt, dass die Stadt gut frequentiert wird.“ Die zentral gelegene Volkshochschule leiste da – bisweilen etwas unbemerkt – bereits einen wichtigen Beitrag. „Das Thema Bildung kann aus meiner Sicht ein wichtiger Baustein sein, um eine Stadt, gerade Fulda, lebendig für die Zukunft zu gestalten“, sagt Wingenfeld. Ob die Ansiedlung der Zahnklinik in Fulda möglich wird, entscheidet sich im Frühjahr 2026.