„Ich habe einen Unterarm und mein Mann einen Fuß gesehen“, schilderte die 40-jährige Zeugin den Leichenfund. Sichtlich mitgenommen berichtete sie über den Tag des Leichenfundes. Seit Dezember 2024 befanden sich die Angeklagte und ihr Lebensgefährte in Polen, dem Ehemann der Zeugin vertraute sie den Wohnungsschlüssel an. „Um hin und wieder mal nach dem Rechten zu schauen“, sagte die Zeugin. Am 22. Februar half die 40-jährige ihrem Partner dabei. Im Keller der Angeklagten entdeckte die Frau eine große Tiefkühltruhe. „Ich habe mich gewundert, weil so ein großes Gerät angeschlossen war und alle anderen Geräte nicht“, erinnerte sie sich. Aus Neugier öffnete sie die Truhe und entdeckt eine Plastiktüte. „Ich dachte mir: Wenn in der Kühlbox noch Fleisch war, nehme ich es mit rüber“, so die Zeugin. Nachdem sie die Tüte herausgenommen hatte, sei sie im ersten Moment von Klamotten ausgegangen, da sie lediglich ein rotes Tuch wahrgenommen habe. Doch bei genauerer Betrachtung erkannte die Frau einen Unterarm und ihr danebenstehender Ehemann einen Fuß. „Ich war geschockt“. Der Ehemann habe den leblosen Säugling wieder zurückgelegt und die beiden seien nachhause gegangen. Letztlich rief das Ehepaar am gleichen Abend die Polizei und schilderte den Beamten ihre Entdeckung. „Wir waren uns nicht sicher, ob es wirklich das war, was wir gesehen haben“, erklärte die Frau unter Tränen. Die Beamten hätten dem Ehepaar dann aber die traurige Gewissheit gegeben. „Der Beamte sagte uns, dass es zu 90 Prozent das ist, was wir vermuteten.“ Später kontaktierte das Ehepaar die Polizei, als die Angeklagte und ihr Lebensgefährte mit seinem Cousin zurück aus Polen kamen. Die Polizei beobachtete die Beschuldigten noch einige Tage, ehe die 35-jährige Angeklagte am 28. Februar verhaftet wurde.
Die Zeugin berichtete weiter, dass die Beschuldigte im November 2024 eine Schwangerschaft abgebrochen habe. Dies soll der Lebensgefährte der Angeklagten dem Ehemann der Zeugin erzählt haben. Weiter erklärte sie, dass die Mutter der Angeklagten sie im Jahr 2021 darum gebeten habe, ihre Tochter und deren Kinder, zwei Mädchen, bei sich aufzunehmen, nachdem der Lebensgefährte sie zusammengeschlagen haben soll. „Das habe ich natürlich sofort gemacht“, so die Zeugin. Dabei sei der 40-Jährigen aufgefallen, dass die Angeklagte erneut schwanger sein könnte. Dies habe sie nach Eigenrecherche angenommen, da die Beschuldigte zunahm und später schlagartig abnahm. Auch die Mutter der Beschuldigten habe später Fragen bezüglich eines Kindes gestellt. Das seien jedoch nur Vermutungen der Zeugin. „Ich habe schon vier Kinder zu Welt gebracht. Ich weiß, wie eine Schwangere aussieht“, sagte sie. Auch die Schwangerschaft ihrer zweiten Tochter habe die Angeklagte über einen sehr langen Zeitraum verheimlicht. Erst im sechsten Monat der Schwangerschaft hätten die Zeugin und ihr Ehemann davon erfahren. Eine Erklärung dafür hatte die Zeugin nicht.
Im weiteren Verlauf der Verhandlung wurde die richterliche Beschuldigtenvernehmung vom 28. Februar. Bei dem Termin hatte die Angeklagte ihre Sicht der Tat geschildert: Während ihr Lebensgefährte mit den Kindern während der Sommerferien nach Polen gefahren sei, sei sie in der Wohnung in Heringen geblieben. Am 22. Juli 2024 habe sie sich schlecht gefühlt und hätte immer wieder mit Magenschmerzen zu kämpfen gehabt. Darüber hinaus habe sie unter Alkoholproblemen gelitten. Von einer Schwangerschaft habe sie bis zwei Monate vor der Geburt nichts gewusst. Nach plötzlich einsetzenden Wehen habe die Angeklagte im Keller der Wohnung das Neugeborene zur Welt gebracht, dabei sei sie ebenfalls betrunken gewesen. Schnell habe sie bemerkt, dass etwas mit dem Baby nicht stimme. „Ich wusste, dass es tot war, weil es nicht mehr geatmet hatte“, las Richter Dr. Jörg Weddig aus dem Protokoll vor. Daher sei die Beschuldigte davon ausgegangen, dass der Säugling die Geburt nicht überlebt habe. „Es war nach der Geburt blau und hat gezittert – ich war überfordert“, zitierte Weddig weiter. Nach einigen Stunden habe die Angeklagte aufstehen wollen und sei ausgerutscht. Dabei soll das Baby an einen Tisch gestoßen sein, an dem sich die Mutter hochziehen wollte. „Ob ich für kurze Zeit das Bewusstsein verloren habe oder nicht, daran kann ich mich nicht mehr erinnern“, schilderte die Angeklagte bei der richterlichen Beschuldigtenvernehmung. Im Anschluss habe sie den Säugling in ein rotes Tuch gewickelt, in eine Plastiktüte gepackt und es in die Tiefkühltruhe gelegt. „Ich dachte mir, wenn ich das Kind so lasse, wird es zerfallen“, hatte sie in der Beschuldigtenvernehmung gesagt: „Ich habe keine Ahnung, warum ich keine Hilfe geholt habe. Ich war im Schock“. Laut der Anklage soll der Säugling lebensfähig gewesen und von der 35-jährigen getötet worden sein.
