Es ist ein warmer Sommerabend, und im Quartiersgarten von antonius stellen die Nachbarinnen und Nachbarn des ersten Gartenhauses gerade die Bierbänke so zusammen, damit alle an einem großen Holztisch Platz haben. Sie treffen sich – wie jeden Monat – zum Stammtisch. An diesem Tag wird Bratwurst gegessen, Limonade getrunken und an die vergangenen zehn Jahre zurückgedacht. „Ist es wirklich schon so lange her?“, fragt Marie Beyer-Götz, lehnt sich zurück und lacht. Sie hat ihr Haus verkauft, bevor sie 2015 ins erste Gartenhaus einzog. „Es war ein Risiko, aber ich weiß jetzt: Es war die richtige Entscheidung.“ Die Rentnerin engagiert sich ehrenamtlich bei antonius, kauft im antonius Laden ein, besucht die Veranstaltungen am Campus. „Mein Leben findet bei antonius statt“, fasst sie zusammen. Denn das Quartier bietet im Grunde alles, was man zum Leben braucht: eine Rundumversorgung aus Kindergarten, Schule, Lebensmittel, Café, kulturelle, christliche und Familienangebote und in diesem Sinne „Sicherheit bis zuletzt“. Marie ist eine von vier Bewohnerinnen und Bewohnern, die von Anfang an im ersten Gartenhaus leben. Auch Joshua Lippert, Lea Hörl und Razaq Ariai sind seit zehn Jahren Teil dieser Hausgemeinschaft, in der Menschen mit und ohne Behinderung unter einem Dach wohnen – nicht nebeneinander, sondern miteinander. Das Gartenhaus war 2015 das erste seiner Art im antonius Quartier und das erste Wohnangebot für externe Interessenten. Entwickelt wurde es als Teil der Quartiersentwicklung – antonius öffnet sich nach außen –, und um eine Lücke zu schließen: Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung sollen selbstbestimmt wohnen können, aber nicht isoliert. Die klassische Wohngemeinschaft ist oft zu reglementiert, das Betreute Wohnen manchmal zu einsam.
Ein mutiger Schritt – und ein neues Zuhause
„Hier haben wir beides: unsere Privatsphäre – und echte Nachbarschaft“, sagt Razaq, Abteilungsleiter bei antonius. Er hat die Anfänge des Projekts miterlebt – mit all ihren Unsicherheiten. „Ich habe mich schon gefragt: Ist das die richtige Entscheidung? Immer wieder hat jemand angeklopft und Hilfe gebraucht“, erzählt er am Stammtisch. „Aber mit der Zeit wurde es weniger – und ich habe gemerkt: Man kriegt auch etwas zurück. Wir helfen uns gegenseitig. Die Anonymität, die man aus Großstädten kennt, die gibt es bei uns nicht. Und das ist gut so.“ Heute wohnen elf Menschen im Gartenhaus. Ganz frisch dazugekommen sind Fethi und Rehab Bouhariz, ein junges Paar, das vor drei Monaten eingezogen ist. Beide kamen durch das Projekt WeltRaum Frauenberg nach Deutschland, leisteten ihren Freiwilligendienst bei antonius und absolvieren inzwischen eine Ausbildung. Kürzlich haben sie geheiratet – gefeiert wurde natürlich mit den Nachbarn. „Wir haben alle eingeladen, jeder hat was mitgebracht“, erzählt Fethi und ergänzt: „Ich kriege hier Hilfe, wenn ich etwas brauche – das ist ein gutes Gefühl.“
Neben regelmäßigen Stammtischen organisieren die Bewohnerinnen und Bewohner auch spontane Treffen, vernetzen sich über eine WhatsApp-Gruppe – und lassen einfach mal die Tür offen, wie Lea. „Das finde ich genial“, kommentiert Razaq diese Gewohnheit seiner Nachbarin. Für sie war der Einzug in das Gartenhaus ein mutiger Schritt. „Früher war ich im Betreuten Wohnen – das hier ist ganz anders“, findet Lea. „Am Anfang war es schwierig, aber ich bin selbstständiger geworden. Ich bin stolz, dass ich das geschafft habe.“ Leas Erfahrung passt zum sogenannten Fuldaer Weg, den antonius verfolgt (siehe unten). In ihrer Freizeit fotografiert Lea – am liebsten die Kälber, mit denen sie auf dem antonius Hof arbeitet – und hört Musik. Kürzlich war sie beim Konzert von Johannes Oerding auf dem Domplatz, erzählt sie den anderen begeistert und zeigt Fotos, die sie dabei geknipst hat.
Das erste Gartenhaus von vielen: Ein Konzept mit Zukunft
Inzwischen entstehen auf dem Gelände vier weitere Gartenhäuser mit insgesamt 29 Wohnungen. Die Nachfrage ist groß – das Konzept spricht sich herum. Doch nicht nur das Interesse wächst, sondern auch die Hoffnungen der ersten Bewohner. „Ich bin ehrlich gesagt ein bisschen aufgeregt“, sagt Razaq beim Blick in die Zukunft. „Ich hoffe, dass in den anderen Häusern auch eine starke Gemeinschaft entsteht. Bei uns hat es funktioniert – und hält bis heute an.“ Marie wünscht sich, dass mittendrin ein Platz entsteht, „wo man sich begegnen kann“. Und Fethi bringt es auf den Punkt: „Wir freuen uns darauf. Wir wollen gerne neue Menschen kennenlernen.“ Zehn Jahre sind vergangen, seit die ersten Menschen in das Gartenhaus einzogen – mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, Geschichten und Erwartungen. Was sie verbindet, ist der Mut, sich auf etwas Neues einzulassen. Und der Wille, einander nicht nur zu begegnen, sondern wirklich zusammenzuleben. Für Informationen zum solidarischen Wohnmodell können sich Interessierte an Cathrin Werner wenden, Telefon 0661-1097-407 oder per E-Mail-Adresse an kontakt@projekt-gartenhaus.de.
Der „Fuldaer Weg“
Der Fuldaer Weg ist eine Alternative zum klassischen Fördersystem: Statt Menschen mit Behinderung früh in lebenslange Abhängigkeit zu führen – Förderschule, Werkstatt, Wohngruppe – setzt antonius auf echte Teilhabe durch Ausbildung, Arbeit und selbstständiges Leben. Was mit praxisnaher Vorbereitung in Programmen wie Startbahn und Perspektiva beginnt, geht im Alltag weiter: Wer arbeitet, soll auch eigenständig wohnen können. Lea ist ein Beispiel dafür. Erst war sie im Betreuten Wohnen abhängig von Assistenz, heute lebt sie im Gartenhaus – selbstständig, eingebunden und auf Augenhöhe mit ihren Nachbarn. Assistenz greift nur noch im Notfall. Der Fuldaer Weg zeigt: Inklusion gelingt, wenn man Menschen zutraut, ihren Weg zu gehen – mit Unterstützung, aber ohne Grenzen.
