Leichtathletik 08.08.2025

Hinter den Medaillen: Franz im Physio-Team der deutschen Athleten

Eichenzell (sim) – Von Bergen zurück nach Eichenzell – und im Gepäck: Viele Erinnerungen an ein internationales Sportereignis, das körperlich forderte, emotional bewegte und einmal mehr bewies, wie wichtig die Menschen neben den Wettkampf-Schauplätzen für den sportlichen Erfolg sind. Physiotherapeut Michael Franz vom Zentrum Mensch war zuletzt mit dem deutschen Team bei den Leichtathletik-U23-Europameisterschaften in Norwegen und sammelte tolle Eindrücke.

Michael Franz (hinten, links) erlebte in Norwegen ereignisreiche Tage. Foto: privat

Michael Franz kennt den Blick hinter die Kulissen wie kaum ein anderer. Der Verbandsphysiotherapeut der Deutschen Leichtathleten hat in den vergangenen Jahren nahezu jede Altersklasse im internationalen Wettkampfbetrieb betreut – U18-Weltmeisterschaft in Nairobi, U20-EM in Jerusalem, und nun die U23-Europameisterschaft in Bergen (Norwegen). Dort gehörte er zum festen medizinischen Rückgrat des deutschen Teams – ein Job, der nicht nur Fachwissen, sondern auch Energie, Empathie und absolute Präsenz verlangt.

Insgesamt drei Wochen war Franz im Einsatz. Die Vorbereitung startete im Pre-Camp in Kienbaum, wo sich nicht nur die U23-Athletinnen und Athleten auf ihren Saisonhöhepunkt vorbereiteten, sondern auch einige Topstars, die in der Diamond League starteten. Danach ging es direkt weiter nach Bergen – ein Ortswechsel, der für das medizinische Team kaum Erholung, aber umso mehr Verantwortung bedeutete.

Ankommen, akklimatisieren, Strukturen einrichten – das Teamhotel wurde zur Einsatzzentrale. Franz spricht von langen Tagen, die morgens um 7 Uhr begannen und nicht selten nach Mitternacht endeten. Die Einsatzzeiten richteten sich strikt nach den Wettkampfplänen der Athleten. Wer früh auf die Anlage musste, wurde auch früh betreut. Wer spät startete, erhielt bis tief in die Nacht die nötige physiotherapeutische Versorgung. Das Team war groß – fünf Physiotherapeutinnen und -therapeuten, ein Orthopäde, eine Internistin mit unfallchirurgischer Erfahrung. Trotz hoher Belastung herrschte ein „kollegialer und freundschaftlicher Austausch“. Die Atmosphäre innerhalb der deutschen Delegation war von Zusammenhalt geprägt, was sich auch außerhalb des Behandlungszimmers bemerkbar machte: Gemeinsame Trainerbesprechungen im Teamhotel, kurze Absprachen im Stadionzelt, spontane Lösungen bei akuten Beschwerden. „Jeder wusste, worauf es ankam“, betont Franz.

Das Stadion in Bergen war Austragungsort, aber auch Bühne für logistische Präzision. Jede Nation hatte ihr eigenes Zelt – dicht aneinandergereiht entlang der Anlagen. Zwischen den Delegationen herrschte ein respektvoller, oft freundschaftlicher Umgang. Es wurde gelacht und sich ausgetauscht. Der Sport schaffe eine Atmosphäre der Verbundenheit, ganz ohne Konkurrenzdenken hinter den Kulissen. Michael Franz selbst erinnerte sich an frühere internationale Einsätze, bei denen er Kontakte knüpfte – unter anderem zu einem Physiotherapeuten aus Jamaika, mit dem er bis heute in Kontakt steht. Auch wenn das jamaikanische Team logischerweise in Bergen nicht vertreten war, sind solche Verbindungen ein Beweis dafür, wie grenzüberschreitend die Welt des Sports funktioniert.

Die Wettkämpfe selbst blieben für das medizinische Team oft im Hintergrund. Viel Zeit zum Zuschauen blieb nicht. „Zwei Stunden“, schmunzelte Franz – mehr waren es nicht. Doch was er mitbekam, war spektakulär: Gold im letzten Stoß beim Kugelstoßen für Tizian Lauria. Das war für Franz persönlich eins der Highlights. Insgesamt holte das deutsche Team 26 Medaillen – elf davon allein in den Wurfdisziplinen. Ein Resultat, das auch für das Physio-Team Bestätigung harter Arbeit war.

Die Arbeit blieb aber nicht unbelohnt. Persönliche Gesten wie ein Videogruß von Lauria an Franz’ Töchter mit der Goldmedaille – versehen mit einem herzlichen Dank – sind beispielsweise das, was bleibt, wenn der Trubel nachlässt. Für seine Familie sei es ein stolzer Moment gewesen. Denn während Franz internationale Athleten betreute, hielt seine Frau in der Praxis die Stellung und kümmerte sich um die beiden Kinder. Zeit für regelmäßige Videoanrufe blieb zwar – viel mehr aber nicht. Die sportliche Großveranstaltung verlangt Opfer. Auch abseits des Stadions.

Ein Highlight war für Franz, wie für viele andere, der Moment, wenn die Nationalhymne ertönt. Wenn alle aufstehen, still sind und den Fokus auf die Athletinnen und Athleten richten, entstehe eine Gänsehaut, die sich nicht imitieren lasse, berichtet Franz. Es ist das „Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein“. Die U23-EM war ein Paradebeispiel für gelungene Teamarbeit. Die deutschen Athletinnen und Athleten trugen Gelb – auffällig, geschlossen, präsent. Die norwegische Presse taufte sie als „gelbe Wand“. Dahinter stand nicht nur ein Farbschema, sondern ein echtes Miteinander.

Michael Franz wird sich nicht lange ausruhen können. Nach einer Alltags-Phase in der Praxis steht im Herbst ein Trainingslager in Orlando an. Urlaub gibt es – aber erst im Oktober. Dazwischen warten Alltag, Patientenversorgung, Familie.

Sein Appell an angehende Therapeuten ist klar: Wer bei großen Events mitarbeiten möchte, braucht neben Können vor allem Einsatzbereitschaft, Lernwillen und Bescheidenheit. Überschätzung ist fehl am Platz – Fleiß ist Pflicht. Dass der Weg anstrengend ist, bestreitet er nicht. Aber er ist sich sicher: Es lohnt sich. Denn hinter jeder Medaille steckt mehr als nur ein Wurf, ein Sprung oder ein Lauf. Es ist ein ganzes Team – und das beginnt in den Zelten im Schatten der Tribüne.

Physio Michael Franz bei der U23-Leichtathletik-EM. Fotos: privat