Fast 40 Jahre lang hat Matthias Kraft die Bildungslandschaft in Fulda und Umgebung maßgeblich mitgeprägt. Alle zollten ihm dafür zuallererst ihren großen Respekt für sein Engagement für Menschen und verwiesen auf seine Bescheidenheit und seinen Sinn für Humor: Das Urgestein des Fuldaer Bildungspartners Grümel – seit Juni 1987 Geschäftsführer – wurde feierlich in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Matthias Kraft übergibt zum 1. Mai nach 38 Jahren im Amt das Zepter an Jutta Dehler, die bislang die pädagogische Leitung bei Grümel innehatte. Volker Strauch, Vorsitzender des Vereins Grümel und langjähriger Wegbegleiter, sprach von „großen Spuren“, die Matthias Kraft hinterlasse, und von einem „gut bestelltem Haus“. Er halte sich stets bescheiden zurück „und macht um sich kein Aufheben“. In seiner Laudatio ging Strauch auf die Anfänge von Grümel ein. 1986 gründeten neun junge Menschen den Verein „Grüne Mülleimer für Arbeit und Leben e. V.“, der ein Zeichen setzen wollte gegen die zunehmende Jugendarbeitslosigkeit. Beschäftigung, Ausbildung und Umweltschutzbelange wurden mit in der Satzung festgehalten. Erster Beschäftigter war Ulrich Nesemann, auf ihn folgte Matthias Kraft. Kraft war schon vor seiner Anstellung ehrenamtlich als Mitglied im Grümel-Verein aktiv. Er begann seine Halbtags-Anstellung als Anleiter für die ersten Aufträge in der Grünflächenpflege, „wo er den Jugendlichen erklärend, ruhig und geduldig begegnete“, so Strauch. Unter Anleitung von Matthias Kraft und Ulrich Nesemann führten sechs schwervermittelbare Jugendliche die ersten Aufträge durch, vor allem in der Grünflächenpflege.
Matthias Kraft, gebürtig aus Buchenrod und mit der Landwirtschaft aufgewachsen, war als studierter Agraringenieur damals parallel mit einer halben Stelle im Landwirtschaftsamt Fulda beschäftigt. Diese Stelle kündigte er 1999 und stand ab da Grümel ganz zur Verfügung. In den ersten Jahren bei Grümel ging es unter anderem um neue Standorte für neue Arbeitsfelder. Kraft kümmerte sich um die Betriebsausstattung, organisierte handwerkliche Eigenleistungen. „Bescheiden, verlässlich, sachlich, stets gut vorbereitet, so kennen wir Matthias Kraft“, betonte Strauch. Er könne gut zuhören, habe immer gerne den Rat anderer angenommen und sich laufend um seine eigene Fortbildung gekümmert, so Strauch. Bis hin zu einem nebenberuflichen Zweitstudium zum Diplom-Wirtschaftsingenieur, das er 2006 erfolgreich abschloss.
Meilensteine während Krafts Schaffenszeit waren zum Beispiel die Einrichtung der ersten Geschäftsstelle in der Langebrückenstraße in Fulda, der Ausbau des Betriebshofs in Niederrode, die Überführung eines Großteils der Zweckbetriebe in eine gGmbH, deren alleiniger Gesellschafter der Grümel e.V. ist, außerdem der Kauf, die Sanierung und Ausstattung des Grümel-Zentrums in der Steubenallee im Münsterfeld mit neuen Bereichen, der Umzug der Geschäftsstelle in die Propstei Johannesberg im Jahr 2002 sowie der Umbau des Casinos Münsterfeld mit Großküche, Schulungs- und Werkräumen sowie dem Bistro. Ein großer Schritt sei auch das Engagement in der Asylbewerberbetreuung ab 2014 gewesen, so Strauch – mit neuen Standorten und Herausforderungen. Grümel ist heute ein mittelständischer Betrieb mit rund 200 Beschäftigten, der jährlich rund 530 Menschen ausbildet, qualifiziert, fördert, berät und betreut – in mehr als 20 Geschäftsfeldern an derzeit elf Standorten. Jutta Diel, die 2005 Nachfolgerin von Ulrich Nesemann wurde, teilte sich 20 Jahre lang das Büro mit Matthias Kraft. Die Grümel-Prokuristin beschreibt ihn als „offen, ruhig und sachlich“. Die gemeinsame Arbeit sei sehr vertrauensvoll und harmonisch gewesen. „Gefühlt hat er keine schriftlichen Unterlagen. Er hat alles im Kopf – ein unglaubliches Gedächtnis“, so Diel, die sich nur schwer vorstellen kann, „dass mir ab Mai nach zwei Jahrzehnten dann jemand anderes gegenübersitzt und ich nicht wie gewohnt Sachverhalte mit ihm abstimmen kann“. Wenn Matthias Kraft selbst zurückblickt, hat ihm bei Grümel vor allem eins gefallen: „Es gab zunächst kein Fundament und keine Tradition. Wir hatten die Chance, alles neu zu entwickeln. Und damit viel Raum für Ideen.“ Immer die Qualität in den unterschiedlichsten Themenfeldern zu sichern, sei bisweilen eine Herausforderung gewesen. Seiner Nachfolgerin wünscht er vor allem „den Mut, neue Wege zu gehen“.
Jutta Dehler empfindet es als „eine große Aufgabe“, die Geschäftsführung von Matthias Kraft zu übernehmen. Er habe „Grümel zu dem gemacht, was es heute ist“. Die Zusammenarbeit sei stets vertrauensvoll, lösungsorientiert und wertschätzend gewesen. „Was ich besonders mag, ist sein Humor.“ Dehler, Diplom-Sozialpädagogin mit Zusatzausbildung Systemische Therapeutin, trat im Oktober 2001 bei Grümel ein – zunächst als Sozialpädagogin in der Jugendwerkstatt Holz – heutige Produktionsschule. Außerdem übernahm sie die sozialpädagogische Begleitung der Malerabteilung. 2010 dann der Wechsel ins Coaching für Erwachsene. 2012 der Aufbau des Ausbildungsbereichs 3.5 – für Azubis mit psychischen Erkrankungen. Für diesen Bereich generierte sie ein interdisziplinäres Team, baute neue Strukturen auf. 2018 wurde die neue Stabstelle der Pädagogischen Leitung geschaffen – „die habe ich dann mit Leben gefüllt“. Dehler baute 2020 „nebenbei“ die Abteilung ambulante Hilfen inklusive Teilhabeassistenz auf und stellte „ein tolles Team“ zusammen, wie sie berichtet. Nun der Wechsel in die Geschäftsleitung. Sie wolle „das Ganze im Blick behalten“ und wie bisher auch immer wieder über den Tellerrand hinausschauen. „Fortsetzen möchte ich auf alle Fälle die Offenheit für neue Projekte und den Bestand der Maßnahmen, die sich bei Grümel lange bewährt haben – und natürlich die Zusammenarbeit mit unseren Kooperationspartnern. Netzwerkarbeit ist elementar für unsere Arbeit.“
Landrat Bernd Woide würdigte anlässlich der Feierstunde das unermüdliche Wirken von Matthias Kraft in den unterschiedlichsten Bereichen und dankte ihm im Namen der unzähligen Menschen in der Region, die unter seiner Führung bei Grümel neue Perspektiven für ihr eigenes Leben finden konnten. Wobei es angesichts seiner eigenen Amtszeit als „etwas Besonderes“ bezeichnete jemanden zu verabschieden, der schon „so lange vor mir da war“. Sei es im Bereich Abfallentsorgung, Kulturlandschaftspflege oder Asylbetreuung, wenn der Kreis eine neue Aufgabe bekam „haben wir oft gedacht ‚Fragen wir doch mal Grümel‘. Das hat nicht immer geklappt, aber doch sehr häufig.“ Kraft stellte sich nicht dabei nicht nur einer unternehmerischen Aufgabe, sondern einer gesellschaftlichen, so Woide. In der Art seiner Arbeit bescheinigte er Kraft „eine Grundruhe, die ich immer bemerkenswert fand“. Gelassenheit, Ruhe und Verantwortungsbewusstsein hätten sein Handeln ausgezeichnet. Woide sprach auch im Namen der Bürgermeisterkreisversammlung, für die deren Vorsitzender Heiko Stolz teilnahm, und von Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld.
Der Hauptgeschäftsführer der IHK Fulda, Michael Konow, lobte in seiner Ansprache neben dem Engagement im Bereich Ausbildung die damit einhergehende große Unterstützung beim Thema Fachkräftemangel, der ganze Landkreis profitiere somit von Grümel: „Sie schaffen Wertschöpfung und das ist wichtiger wie eh und je. Seit Beginn haben bei Grümel 637 Menschen ihre Ausbildung abgeschlossen.“ Die Arbeit von Kraft lasse sich nur als solide beschreiben. Er habe nie die große Bühne gesucht, sondern es ging ihm immer nur um die Arbeit mit Menschen.
Karola Günther, Regionalgeschäftsführerin des Paritätischen Hessen und Vertreterin der Liga der freien Wohlfahrtspflege ging auf die beachtenswerten und vielfältigen Angebote von Grümel im sozialen Bereich ein, die während Krafts Zeit als Geschäftsführer ins Leben gerufen worden sind und nannte als Beispiele die Familienhilfe, den Stadtteiltreff mit Familienzentrum Nordend in Fulda oder den Bürgertreff mit Familienzentrum in Bad Salzschlirf: „Sie haben sich konsequent für den paritätischen Gedanken einer sozialen Gesellschaft eingesetzt.“
Hermann Diel, langjähriger Redakteur des Hessischen Rundfunks, moderierte im Anschluss an die Grußworte eine Zeitreise durch vier Jahrzehnte sowie eine Gesprächsrunde mit Vorstandsmitgliedern und Mitarbeitenden von Grümel. Die musikalische Umrahmung des Abends übernahmen das Duo Project B&P, der „Werkschor Grümel“ sowie Andreas Wetter & Friends. Und was wünscht Matthias Kraft dem Verein und Unternehmen Grümel für die Zukunft: „Mit den Veränderungen Schritt zu halten.“ Wobei er Grümel weiter erhalten bleibt mit Rat und auch Tat.
