osthessen-lady.de 20.06.2024

Alle Aufgaben auf einmal – „Multitasking“-Mythos belastet Frauen

Fulda (as) – Arbeit, Familie, Care-Arbeit und Haushalt parallel balancieren – viele Frauen in Deutschland kämpfen in ihrem Alltag mit Mehrfachbelastungen. Hohe Selbstansprüche würden dabei oft in Stress und gesundheitlichen Beschwerden resultieren, weiß Gesprächs-Therapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie, Katharina Hornung. In ihrer Praxis Frauenstark in Fulda hilft sie Frauen, eine gesunde Work-Life-Balance zu finden und sich vom Mythos „Multitasking“ zu lösen.

Fotos: Christine Görlich

Der Begriff „Multitasking“ beschreibt die Ausführung mehrerer Aufgaben parallel. Dazu gehören beispielsweise Verpflichtungen im Beruf, im Haushalt und in der Familie, die „allesamt bearbeitet werden müssen“, gibt Hornung an. Dem gesellschaftlichen Klischee nach seien Frauen besonders talentiert darin, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu übernehmen. Das führe in der Realität häufig zu Stress und Zerrissenheit bei den Frauen, stellt die Heilpraktikerin fest. Laut einer Umfrage in Deutschland würden 85 Prozent der befragten Mütter sich um die Organisation von Haushalt und Familie kümmern, rund 66 Prozent würden die gesamte Care-Arbeit alleine erledigen. Eine Erhebung bei deutschen Unternehmerinnen zeige, dass fast die Hälfte ein „stark beeinträchtigtes Gefühl“ im Alltag erlebe. Der „Mental Overload“ sei vor allem bei Frauen zwischen 40 und 60 Jahren am deutlichsten spürbar, erklärt die Gesprächs-Therapeutin. In dieser Lebensphase würden neben der Erziehung der Kinder auch die Pflege der Eltern beziehungsweise Schwiegereltern hinzukommen: „Frauen sind oft Anlaufstelle für beide Generationen.“

Der Begriff Multitasking stamme ursprünglich aus der Computerwelt, erzählt Hornung. Damit werde ein System beschrieben, dass offenbar parallel mehrere Aufgaben und Prozesse bearbeite. Das sei jedoch ein Trugschluss: „Es wechselt permanent zwischen den Tasks.“ Menschen seien nicht in der Lage, sich auf mehr als eine Sache wirklich zu konzentrieren. Die Bearbeitung mehrerer Aufgaben im Alltag sorge häufig dafür, dass mehr Zeit benötigt wird, statt der vielfach behaupteten Zeitersparnis. Multitasking produziere zudem Stress und könne zu Blockaden führen, „sodass gar nichts mehr geht.“ Für die Heilpraktikerin gehöre die These vom „positiven Multitasking“ deshalb „Ein für alle Mal ins Reich der Mythen“ verbannt.

Die Folgen der Überbelastung bei Frauen sieht die Gesprächs-Therapeutin häufig in ihren Sprechstunden und Workshops. Patientinnen seien in der Behandlung unter anderem erschöpft, würden vergesslicher werden oder kreativ ausgelaugt sein. Rationales Denken werde blockiert, stattdessen sei die Anspannung durch gefühlt endlose Grübel-Schleifen groß und führe zu Schlafstörungen. „Das ist besorgniserregend. Vielen bleibt keine Zeit für ein Privatleben“, beschreibt sie. Die meisten ihrer Patientinnen würden die Teilnahme in den Workshops wie eine „Auszeit“ für die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen, die sonst „nicht möglich“ sei im Alltag.

Lösungen und Auswege entstehen nur durch Selbstreflexion, erläutert die Heilpraktikerin: „Sie müssen die eigenen Erwartungen hinterfragen und die Erwartungen der anderen.“ Notwendig sei die Ordnung der Alltagsaufgaben sowie eine bewusste Festlegung von Grenzen. Die Vorstellung, dass „alles jetzt gleich sein“ müsse, sei keine gesunde Haltung. Stattdessen müssten die betroffenen Frauen häufig lernen, „Nein“ zu weiteren Anforderungen zu sagen. Ebenso werde ein „Unterstützersystem“ gebraucht, an welches Aufgaben und Kontrolle auch mal abgegeben werden könnten: „Ein gutes Netzwerk ist sehr wichtig.“ Effektives Zeitmanagement bedeute, sich Zeit zum Kraftschöpfen zu lassen, hebt sie hervor: „Wir haben nicht endlos Energie.“ Das könne durch Ruhepause, Meditation oder Hobbys zum Abschalten erreicht werden. Die Gesprächs-Therapeutin rät für die Koordination der Aufgaben dazu, To-Do-Listen anzufertigen und diesen Plänen treu zu bleiben. Hilfreich sei es, wenn Frauen zusätzlich „Not-to-do“-Listen aufstellen: „Dinge, die sie gar nicht erledigen.“

Wichtig für die konzentrierte Arbeit sei das „Ausschalten von Störfaktoren“, berichtet die Coachin: „Um effektiv an etwas dran zu bleiben.“ Konkret bedeute das: Türen zu, Telefone stumm und Unterhaltungsgeräte ausgeschaltet lassen. In ihrer Praxis helfe sie Frauen dabei, sich neu zu strukturieren und auch „Ja“ zu den eigenen Bedürfnissen zu sagen: „Das Bewusstsein für eigene Grenzen ist eine echte Stärke.“ Unterstützend wirke bei der Thematik auch ein Flow-Training. Hornung fasst als goldene Regel für die Arbeit zusammen: „Es geht eben immer nur der Reihe nach.“