„Ich bin etwas ehrfürchtig, wen ich höre, was für ein schrecklich guter Mensch ich bin, aber ich habe auch Ecken und Kanten, über die sie freundlicherweise hinweg gesehen haben“, sagte Sitte in seine Dankesrede. Diese begann er mit Verweis auf den Ewigkeitssonntag einen Tag zuvor mit einem stillen Gedenken an die Menschen, die die Anwesenden in dem vergangenen Jahr verloren hatten. Er habe auf seinem Weg oft Unterstützung erhalten, habe aber auch besonders wenn die Luft dünn wurde gemerkt, wie wenig Freunde er dann doch habe. Die Worte seines damaligen Klassenlehrers im Abitur: „Jetzt sind Sie dran. Machen sie das Beste daraus, aber denken Sie daran, dass man manchmal auch gegen den Strom schwimmen kann“, hätten ihn begleitet. Ein Moment am Ende seines Studiums, in dem ihm eine Patientin sagte, dass er sie doch bitte töten solle, sei für ihn sehr prägend gewesen. Der überregional bekannte Palliativmediziner und Autor gehört zu den Gründerstiftern der in Fulda ansässigen Deutsche PalliativStiftung, die sich für die Verbesserung der Hospizarbeit und Palliativversorgung für schwer kranke und sterbende Menschen in Deutschland einsetzt. In der Debatte um Sterbehilfe meldet sich Sitte immer wieder prominent zu Wort und spricht sich gegen eine geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid aus. Er plädiert für andere Lösungen auf dem Weg zum Lebensende, zum Beispiel die professionelle palliative Betreuung. „Ich war für die meisten immer ein sehr bunter Vogel und wie ich sehe sind heute auch viele bunte Vögel da, ich scheine die anzuziehen“, bemerkte Sitte. Zum Ende seiner Rede plädierte er nochmals, dass es viel mehr Menschen brauche, die Mitglieder im Förderverein werden und ihn so in seinem Vorhaben unterstützen. Die Diskussionen über die Palliativmedizin und Leben und Tod werden weitergehen.
Die Laudatio wurde von Oberbürgermeister Wingenfeld gehalten: „Ich muss mit tiefem Respekt bei Ihnen sagen, dass sie nicht nur ihre eigenen beruflichen Interessen hinten angestellt haben, sondern sie haben auch ihre berufliche Existenz riskiert und damit etwas getan, was sicherlich nur wenige Menschen im Sinne ihrer Überzeugung tun würden“, hob er hervor. Sittes ausgeprägtes ehrenamtliches Wirken für die Weiterentwicklung der Palliativmedizin sei der Grund für die Auszeichnung durch den Bundespräsidenten: „Es ist so, dass die Erfüllung von Berufspflichten nicht für eine Verleihung reicht. Es geht um das Ehrenamt und diese ehrenamtliche Tätigkeit muss mit großem persönlichem Einsatz unter Zurückstellung eigener Interessen längere Zeit vollzogen worden sein.“ Die Wurzeln für Sittes Ehrenamt würden in seiner Biografie liegen. Er habe bereits zahlreiche Ehrenämter auch in seiner Heimat übernommen, war aktives Mitglied der freiwilligen Feuerwehr und bei den Pfadfindern. Es sei wichtig, dass es Menschen gebe, die Verantwortung übernehmen, betonte Oberbürgermeister Wingenfeld. „Genau das haben sie getan und das tun sie weiterhin“, erklärte er. Patientinnen und Patienten würden oft gegen ihren Willen ins Krankenhaus eingeliefert. Daraus entstand Sittes Idee, die Schmerzmittelgabe vergleichsweise unkompliziert zu gestalten und durch ein Nasenspray zu vereinfachen. Krankenhauseinlieferungen konnten so massiv reduziert werden. Dieses Spray würde bereits weltweite Verwendung in der Palliativmedizin finden. Sitte war außerdem aktiv an der Änderung des Betäubungsmittelgesetzes und der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung beteiligt, sodass Ärztinnen und Ärzte nun kurzfristig und vergleichsweise rechtssicher schwerkranke Personen versorgen dürften, ohne eine Strafverfolgung fürchten zu müssen. Dass diese Auszeichnung ihm nun peinlich und eine Bürde sei, zeige umso mehr seine Bescheidenheit, die sich bereits durch sein ganzes Leben im Kampf für den Wert des Lebens bis zuletzt ziehen würde, so Wingenfeld.
Zur Verleihung waren zahlreiche Gäste in den Fürstensaal des Fuldaer Stadtschlosses gekommen, unter anderem Bürgermeister Dag Wehner, Dr. Hubert Schindler, Stiftungsratsvorsitzender der PalliativStiftung, Dr. Jörg Simon für das Gesundheitsnetz Osthessen, Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, Ehrenpräsident der Landesärztekammer Hessen, Kreisbeigeordneter des Landkreises Fulda Hermann Müller und Dr. Christian Gebhardt, Präsident der IHK Fulda.
