Lokales FD 10.07.2022

Kevin Kühnert beim Markt der Möglichkeiten in Fulda

Fulda (sk) – Erstmals seit drei Jahren konnte in Fulda der vom SPD-Stadtverband ausgerichtete Markt der Möglichkeiten wieder durchgeführt werden. Als Festredner sprach der Generalsekretär der Partei Kevin Kühnert über das Thema zivilgesellschaftliches Engagement. Im Gespräch mit Osthessen-Zeitung am Rande der Veranstaltung beantwortete er auch einige Frage zu seiner Einschätzung der politischen Lage.

Kevin Kühnert. Foto: Stefan Krug.

Thomas Bobke, Co-Vorsitzender des SPD-Stadtverbands, begrüßtet Kühnert und die Anwesenden und freute sich, dass nach drei Jahren endlich wieder ein Markt der Möglichkeiten stattfinden kann: „Noch im März wäre das unmöglich gewesen. Aber die heutige Resonanz zeigt, wie sehr er gefehlt hat. Seit mehr als 30 Jahren bringt der Markt der Möglichkeiten Menschen zusammen, die sich im Handeln für andere einsetzen und dabei soziale Lücken schließen.“

Auch Kevin Kühnert schloss sich dem an: „Das, was so eine Veranstaltung durch Kontaktaufnahme und Vernetzung ermöglichen kann, schafft kein online-meeting. Und ich will hier keine Laudatio zu den späteren Preisträgern halten, da ich zur Preisverleihung leider nicht mehr da bin.“ Zur Veranstaltung sagte er: „Am heutigen Tag geht es um Zivilcourage und Ehrenamt. Er bringt zum Ausdruck, dass es immer nötig ist, mit Courage und Mut für etwas einzustehen.“ Diese Notwendigkeit bezeichnete er als trauriges Bild, was viel über unsere Gesellschaft aussage. „Manche unserer politischen Gegner machen Eigennutz sogar zu ihrem politischen Programm“, ergänzte er.

Zur aktuellen politischen Lage erzählte er vom Besuch einer Kita in seinem Wahlkreis vor wenigen Tagen. Dort sagte eine Vierjährige zu ihm: „Wenn du den Putin das nächste Mal siehst, sag ihm, er soll mit dem Krieg aufhören. Das ist blöd.“ Nachdem er zuerst schmunzelte, machte es ihn bald nachdenklich, in welcher Welt wir leben, in der schon Vierjährige sich solche Gedanken machen müssen: „Wir sagen, wir kämpfen für Demokratie. Aber es bedarf des Kampfes von ganz vielen Menschen, dass wir weiter so leben können.“ Schon ein Blick ins europäische Ausland zeige, das Demokratie nicht selbstverständlich ist. Vor kurzem hätte ein demokratischer Kandidat in Frankreich nur knapp gegen eine rechtsradikale Kandidatin gewonnen. In vielen Gegenden, gerade auch in Lothringen, habe diese sogar die Mehrheit gehabt. Dass auf der anderen Seite der deutsch-französischen Grenze nur wenige Zeit später die SPD-Kandidatin mit absoluter Mehrheit gewählt wurde, zeige die Stabilität unseres politischen Systems: „Wenn man wie in Frankreich nur noch die Wahl hat zwischen einem Neoliberalen und einer Rechtsradikalen – was macht das mit einer Gesellschaft? Gibt es dann nur noch ein Gegeneinander, bei dem Schuldige unter den Schwächeren wie Zuwanderern oder Homosexuellen gesucht werden?“

Kühnert zitierte aus einer Studie „Rückkehr zu den politisch Verlassenen“, bei der gezielt Bürger in deutschen AfD- und französischen Front National-Hochburgen nach ihren Hoffnungen und Sorgen befragt wurden. Gesucht werden sollten Gründe, weshalb Menschen das Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen verlieren. Kühnert sagte: „Die geäußerten Sorgen waren eher banal. Da ging es um den Busverkehr, lärmende Jugendliche und alltägliche Probleme, dass der Supermarkt schließt und sich kein Arzt mehr in der Nähe befindet, so dass jeweils jemand gesucht werden muss, der die Fahrt übernehmen kann. Wenn wir Menschen erreichen wollen, müssen wir uns darum kümmern.“ Er ergänzte: „Und dazu müssen wir laut sein, damit der Zusammenhalt unserer Gesellschaft funktioniert.“ Nicht die Engagierten allein sollten immer mehr tragen, sondern sie müssten auch sagen: „Liebe Politik, ihr seid dafür gewählt, dass Geld für Mobilität und soziale Teilhabe für alle da ist. Es ist nicht schicksalhaft, dass Menschen sich von den demokratischen Parteien abwenden.“

An die Anwesenden wandte er sich: „Auch wir als Partei sind Zivilgesellschaft. Die überwiegende Zahl unserer 400.000 Mitglieder setzt ihre kostbare Freizeit ehrenamtlich und kostenlos für unser Gemeinwohl ein.“ Nach seiner Rede nahm sich Kühnert Zeit, mit den Ausstellern des Marktes über ihre Vereine und Organisationen zu reden und ihre Sorgen und Anregungen mit nach Berlin zu nehmen.

Am Rande der Veranstaltung beantwortete Kühnert einige Fragen. Er berichtete, dass es nicht sein erster Besuch in Fulda ist. Schon 2018 habe er Philipp Ebert im Wahlkampf unterstützt. Wie die Region politisch stehe, wisse er auch: „Hier ist es etwas konservativer, wie man es sich als SPD-Generalsekretär vielleicht wünscht. Aber ich sehe das sportlich: Da ist noch Luft nach oben.“ Zu den aktuellen Umfragewerten der SPD, welche abgeschlagen hinter der CDU und den Grünen liegt, sagte er: „Umfragen haben mich selten weniger interessiert wie momentan. Wir sind in einer Krise und Krisenzeiten sind immer schlecht für die Regierung. Es vergeht noch viel Zeit bis zur nächsten Bundestagswahl. Und da werden sich die Umfragen noch oft ändern.“ Zu den jüngsten Angriffen von FDP-Politikern zu seiner Person, unter anderem nannte ihn die Generalsekretärin der Partei einen Populisten und der stellvertretende Vorsitzende empfahl ihm „üben, üben, üben in der Andy Scheuer Akademie“ meinte er: „Ich bin ein Verfechter davon, dass man nicht, nur weil man in einer Koalition ist, immer einer Meinung sein muss. Trotz aller Meinungsverschiedenheiten gehen wir immer noch anständig miteinander um.“ Auch auf Nachfrage erklärte er zu den vorgenannten Äußerungen aus der FDP: „Die Aussagen sind noch anständig.“