RSS-Feed(Fokus) 05.06.2020

Melina ist jüngstes Frühchen der Welt – Hoffen und Bangen im Klinikum

Fulda (eg/oz) – Es grenzt an ein medizinisches Wunder: Am 22. April konnte Melina, die vor über einem Jahr nach nur 21 Wochen und vier Tagen Schwangerschaft das Licht der Welt erblickt hatte, aus dem Klinikum Fulda entlassen werden. Damit ist sie das jüngste Frühchen der Welt, das überlebt hat. „Das ist medizinisch unglaublich“, betonte Prof. Dr. Reinald Repp, Direktor der Kinderklinik am Klinikum Fulda, am Donnerstag im Rahmen eines Pressetermins.

Im Rahmen eines Pressegespräches schilderten Prof. Reinald Repp (Zweiter von links) und sein Team die fordernden Wochen nach der Geburt. Foto: Elena Glüber

Am Morgen des 5. März 2019 war Melina gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder bei einer ungeplanten Hausgeburt zu Welt gekommen – damals wog das kleine Mädchen nicht einmal 500 Gramm. Unter Sauerstoffversorgung und mit künstlicher Wärmeversorgung brachte der Rettungsdienst die Kinder aus dem Vogelsberg ins Klinikum Fulda, wo sie dem medizinischen Personal sofort übergeben wurden. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste – Melina und ihr Bruder hatten nur 21 Wochen und vier Tage Schwangerschaft hinter sich. „Beim Eintreffen hatten wir nicht mehr Informationen, als dass wir eine sehr früh geborene Frühgeburt haben“, erinnert sich Oberarzt Dr. Christian Weber an die turbulenten Minuten nach Ankunft der Kinder. In Windeseile habe das Team reagiert, die Intensivplätze vorbereitet und mit der Beatmung begonnen. Während ihr Zwillingsbruder nur wenige Stunden nach dem Eintreffen im Klinikum verstarb, kämpfte Melina weiter. Stationsleitung Marion Krimm-Schätz ist sich sicher: „Diesen Morgen werde ich nicht vergessen.“

Doch dieser erste Morgen war nur der Anfang eines 13-monatigen Krankenhausaufenthaltes, der von Höhen und Tiefen geprägt war. Kritisch für das Überleben sei laut Repp vor allem die Unreife lebenswichtiger Organe aufgrund des extrem frühen Geburtstermins. Zu diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft ist die Lunge noch nicht ausreichend entwickelt und die Kinder benötigen zusätzlichen Sauer-stoff, der aber bei Frühchen die Augen schädigen kann. Es drohen in den ersten Tagen nach der Frühgeburt Hirnblutungen und der Tod durch Darmverschluss. Bei Frühchen ist die Lunge noch nicht ausgereift. Die Lungenbläschen, die den Gasaus-tausch von verbrauchtem Kohlendioxid gegen frischen Sauerstoff ermöglichen, sind noch nicht ausgebildet. „Sie sehen aus wie Säckchen und noch nicht wie Himbeeren. Es fehlt ihnen damit an Oberfläche für den Gasaus-tausch und die Lungendurchblutung ist er-schwert“, sagte Repp. Ferner sind die Zellen in diesem Alter noch nicht ausgebildet, die jenen Stoff (Surfactant) zur Verfügung stellen, der die Oberflächenspannung des Wassers in der Lunge löst. Die Lunge klebt zusammen wie feuchte Frischhaltefolie, wenn sie gefaltet wird. Surfactant wirkt wie Seife, die die Oberflächenspannung des Wassers löst, damit sich die nasse Folie entfalten lässt.

Besonders in den ersten fünf Lebenstagen, für die spätere Entwicklung ganz entscheidend, habe das gesamte Team die Luft angehalten. Die kleine Melina wurde mit einer Hochfrequenzoszillation beatmet. Das ist, wie wenn der Hund hechelt“, so Repp. Melinas Kreislauf stabilisierte sich, ebenso wie die Atmung. Hirnblutungen blieben aus. „Da hatten wir Mut“, erinnerte sich Kinderklinik-Direktor Repp: „Das war maximale Anspannung, aber auch Hoffnung.“ Frühchen, die vor der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, müssen nach den deutschen Leitlinien nicht lebenserhaltend behandelt werden. In Melinas Fall entschieden sich die Ärzte für das Leben – mit Erfolg. Am 20. Mai, elf Wochen nach der Geburt, konnte die invasive Beatmung des kleinen Mädchens beendet werden und im August hatte sich die Lage schließlich stabilisiert.

13 Monate nach ihrer Geburt konnte Melina schließlich nach Hause entlassen werden – eine große Erleichterung vor allem für die Eltern des kleinen Mädchens, die über ein Jahr täglich zum Klinikum nach Fulda gependelt sind. Melinas Eltern wollten am Donnerstag nicht öffentlich in Erscheinung treten, gaben aber über eine Pressemitteilung bekannt: „Das ist wirklich der Wahnsinn, was wir dort erlebt haben. Und am Morgen nach der ersten kurzen Nacht zu Hause mit unserer Tochter ist es das strahlende Lächeln der Kleinen, das uns für so vieles entschädigt.“

Zusammen mit einem Kind, das 2014 ebenfalls nach 21 Wochen und vier Tagen Schwangerschaft in den USA zur Welt gekommen war, ist Melina das jüngste Frühchen der Welt, das überlebt hat. 2010 hatte das Klinikum Fulda schon dem Frühchen Frieda, das nach 21 Wochen und fünf Tagen Schwangerschaft zur Welt gekommen war, das Überleben ermöglicht. Frieda war damals gemeinsam mit einem Kind aus Kanada das jüngste Frühchen der Welt. Heute geht es Melina laut Privatdozent Dr. Thomas Menzel, Vorstandssprecher des Klinikums, den Umständen entsprechend gut. „Wir haben große Hoffnung, dass sie ein glückliches Leben führen können wird“, freute sich Menzel berichten zu können.

Stolz sei er auch auf das Perinatalzentrum Level 1. Das mit Prof. Dr. Reinald Repp als Chefarzt der Neonatologie (Versorgung der Frühgeborenen) nach den Daten des IQTIG (Institut für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen) schon über viele Jahre hinweg zu den besten Perinatalzentren Deutschlands zähle. „Bei der Überlebensrate ohne schwer-wiegende Komplikationen belegt das Perinatalzentrum des Klinikums Fulda aktuell Platz eins von den 211 Zentren dieser Art in Deutschland und bei der Überlebensrate (mit und ohne Komplikationen) Platz zwei.“

Pressekonferenz im Klinikum Fulda. Fotos: Elena Glüber