Lokales FD 11.04.2019

Dr. Al-Hami: „Patientenzufriedenheit das beste Qualitätsmerkmal“

Fulda (fs) – Wie finde ich den richtigen Arzt oder die richtige Klinik? Diese Frage brennt vielen unter den Nägeln – das zeigte schon der Andrang beim Vortrag von Dr. Samir Al-Hami zu genau diesem Thema am Mittwochabend. Der Neurochirurg gab den Zuhörern viele Tipps und wichtige Kriterien zur Entscheidungsfindung mit auf den Weg.

Dr. Samir Al-Hami. Foto: Christine Görlich

„Das deutsche Gesundheitssystem rühmt sich, das beste der Welt zu sein. Und das stimmt auch, aber es wird seit Jahren immer schlechter. Die Ausgaben steigen immer weiter, die Qualität der Versorgung ist aber spürbar schlechter geworden“, betonte Dr. Al-Hami. Dabei nehme die Zahl der Patienten seit Jahren zu, ebenso wie die Anzahl der Ärzte, während das Pflegepersonal immer weniger werde. „Die Zwei-Klassen-Medizin ist Realität. In Deutschland kommen 13 Patienten auf eine Pflegekraft, das ist der schlechteste Wert aller Industrieländer“, verdeutlichte der Neurochirurg. Zum Vergleich: In den Niederlanden sind es knapp sieben, in den USA nur etwas mehr als fünf. In Al-Hamis Neuro-Spine-Center wiederum komme auf eine Pflegekraft maximal fünf Patienten. „Wenn die Schwester nicht überlastet ist, arbeitet sie sorgfältiger, kann besser auf die Patienten eingehen und Ängste abbauen. Personalabbau ist kein Merkmal von Wirtschaftlichkeit. Ich versorge die Leute anständig, deshalb gehen sie schneller und ohne Komplikationen nach Hause“, sagte Al-Hami.

Als Anlass für den Vortrag hatte er eine Stellenanzeige genommen, in der OP- und Änsthesiepersonal mit dem Verzicht auf Nacht-, Bereitschafts- und Wochenenddienste gelockt werde. „Das kann ich nicht verstehen. Da wird Ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Das ist leichtsinnig, gefährlich und verantwortungslos“, kritisierte A-Hami, für den gut ausgebildetes Personal, ein verträgliches Personal-Patient-Verhältnis und die Versorgung in Notfallsituationen unerlässlich ist. Genauso wie die Infrastruktur: Man dürfe sich nicht von einladenden Eingangsbereichen oder gutem Essen blenden lassen, vielmehr sei eine gute OP-Ausstattung unerlässlich: „Im Neuro-Spine-Center haben wir beispielsweise einen OP-Saal mit 82 Quadratmetern. Dadurch ist Platz für alle Geräte wie Röntgengeräte und OP-Mikroskop, aber auch für das Personal. Bei kleinen OP-Sälen leiden Sterilität, Hygiene und Qualität“, betonte Al-Hami, der aus diesem Grund Ersatzgeräte und einen Ersatz-OP-Saal bereithalte: „Es kann immer mal etwas ausfallen. Das kostet alles Geld, aber die Sicherheit des Patienten steht im Vordergrund.“

Doch wie können Patienten nun erkennen, auf welche Klinik oder welchen Arzt diese Kriterien zutreffen? Die Referenzdatenbank des Gemeinsamen Bundesausschusses, in der die jährlichen Qualitätsberichte der Krankenhäuser veröffentlicht werden, seien sehr wertvoll. Nur: Der Qualitätsbericht des Klinikums Fulda beispielsweise umfasse 1500 Seiten. „Die liest kein Mensch“, meinte Al-Hami, der auch von Bewertungsportalen wie Yameda nichts hält: „Die Bewertungsportale sind fast immer gekauft.“ Vielmehr empfahl er die Weiße Liste (www.weisse-liste.de) der Bertelsmannstiftung: „Die Weiße Liste tritt nie in Kontakt mit den Ärzten oder den Kliniken, sondern nur mit den Patienten, die befragt werden. Und die Zufriedenheit des Patienten ist das beste Qualitätsmerkmal. Am besten natürlich objektiv“, sagte Al-Hami. Über die Weiße Liste könnten die Patienten Kliniken in der Umgebung nach verschiedenen Parametern wie Patientenzufriedenheit, Behandlungsfällen pro Jahr oder auch Patientensicherheit und Hygiene filtern und die für sie bestmögliche Klinik oder Arzt herausfinden.

Nach dem informativen Vortrag entspann sich eine lebhafte Diskussion mit vielen – auch kritischen – Fragen, in der vor allem deutlich wurde: Die Ursachenforschung ist eminent wichtig, dazu müsse jede stationäre Behandlung nachvollziehbar und begründbar sein. Auf die Nachfrage, warum er auch schon Patienten abgelehnt habe – wofür er durchaus negative Bewertungen mit den Worten „Der Al-Hami denkt nur ans Geld“ auf Yameda erhielt – verdeutlichte der Neurochirurg: „Wenn ich nur ans Geld denken würde, würde ich jeden behandeln. Aber ich bin kein Gott oder kein Messias. Ich behandle nur, wenn ich Erfolgsaussichten sehe, ich bin kein Metzger. Wenn ich den Leuten nicht sinnvoll helfen kann, warum sollte ich sie dann operieren?“

Vortrag von Dr. Samir Al-Hami. Fotos: Christine Görlich