Rund 80 Gäste, darunter zahlreiche Beschäftigte aus der Krankenpflege, verfolgten die Diskussion, zu der Neurochirurg Al-Hami, Geschäftsführer und Inhaber des Neuro Spine Centers, vier Gäste eingeladen hatte: Klinikums-Vorstand Privatdozent Dr. Thomas Menzel, die Pflegedirektorin der Eichhof-Stiftung Lauterbach Kathrin Kleine, den geschäftsführenden Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft Rainer Greunke und Dr. Roland Strasheim, Hauptabteilungsleiter Krankenhaus bei der AOK Hessen. Emotionaler wurde es beim Thema Vergütung in Pflegeberufen – die als ein Teil des Imageproblems gesehen wird. „Was verdient eine Polizistin oder jemand beim Finanzamt? Die haben auch drei Jahre Ausbildung gemacht?“, sagte eine der Besucherinnen. Doch Menzel verdeutlichte, dass darauf weder Krankenhäuser noch Krankenkassen oder Berufsverbände Einfluss hätten. Denn die Tarife für Beschäftigte im öffentlichen Dienst würden zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebervertretern ausgehandelt. „Die Pflege hat es in den letzten 200 Jahren nicht geschafft, zusammenzustehen“, kritisierte Kleine die fehlende Organisation ihres Berufsstands in einem großen Verband. Al-Hami drückte es ähnlich aus: „Das Pflegepersonal hat keine Lobby.“
„Eigentlich ist das Thema Notstand in der Pflege kein neues. Die Situation hat sich seit 20 Jahren immer mehr verschlechtert“, meinte Al-Hami in seinem Eingangsstatement. Eine Ursache des Problems sieht er in den seit Jahren steigenden Fallzahlen, mit denen zwar eine Erhöhung der Arztstellen, aber nicht der Pflegestellen einhergegangen sei. Greunke ging näher auf die dafür ursächliche Umstellung des Vergütungssystems im Jahr 2005 ein, relativierte aber auch, dass damit eine Reduktion der Verweildauer der einzelnen Patienten im Krankenhaus, Stationsschließungen und Umstrukturierungen einhergegangen seien. Dies verdeutlichte auch Menzel, der von Al-Hami konkret auf die Zahlen im Klinikum Fulda in den vergangenen zehn Jahren angesprochen wurde. So seien verschiedene Hilfsdienste wie beispielsweise Patiententransportdienst und Logistikassistenz eingeführt, wodurch die Mitarbeiter in der Pflege entlastet wurden, ohne das neues Pflegepersonal eingestellt wurde. „Ich arbeite heute anders“, stimmte eine Frau aus dem Publikum zu, dass Koordination einen wichtigeren Stellenwert eingenommen habe.
Kritik an Aktionismus der Bundesregierung
Immer wieder angesprochen wurden das im August beschlossene Pflegepersonal-Stärkungsgesetz, mit dem neue Stellen geschaffen werden sollen, und die geplante Verordnung von Gesundheitsminister Jens Spahn zur Pflegepersonaluntergrenze – eine Vorgabe wie viele Patienten auf bestimmten Stationen wie der Intensivstation oder Unfallchirurgie pro Schicht auf eine Pflegekraft kommen dürfen. „Es nützt nichts, Stellen aufzubauen, solange auf 100 Stellen 21 Bewerber kommen“, appellierte Strasheim, den Beruf attraktiver zu machen. Dafür bedürfe es aus seiner Sicht eine bessere Bezahlung, lebensphasenorientiertere Arbeitsmodelle, die das Berufsleben von der Ausbildung bis ins Alter abdecken, und ein besseres Image. Dazu dürfe nicht immer nur das Schlechte am Beruf in der Öffentlichkeit hervorgehoben werden, meinte Greunke. Bei allem Positiven, wie der Finanzierung von Ausbildungsstellen und zusätzlichen Pflegestellen, für die der Bund 500 Millionen Euro zur Verfügung stellt, zeigte er aber auch auf, was das Gesetz aus seiner Sicht zu einer „Mogelpackung“ mache: „Diese 500 Millionen Euro werden den Krankenhäusern an anderer Stelle abgenommen.“
Auch die Untergrenze stieß bei den Podiumsgästen auf Unverständnis, zum Beispiel was die Auswahl der darin enthaltenen Stationen angeht, und Kritik. Greunke nannte dabei drei Punkte: Sie sei in der Ausführung mit viel Bürokratie verbunden, die geforderte Pflichtbesetzung gehe teilweise über die Empfehlungen der Fachverbände hinaus, was nicht Sinn einer Untergrenze sein könne, und es werde nicht zu mehr Personal führen, sondern eher dazu, dass Personal verschoben oder eben auch mal Betten auf der Intensivstation für die Belegung gesperrt werden. „Die Untergrenze ist kontraproduktiv“, meinte auch Menzel, der diese Vorgehensweise auch für das Klinikum als Möglichkeit nannte und an die Politik appellierte, den Krankenhäusern mehr Freiheiten zu lassen. „Die Krankenhäuser wissen, was sie tun, da spart keiner am falschen Ende. Da rein zu regulieren macht es nicht unbedingt besser“, hatte zuvor schon Strasheim gemeint. „Wir sind uns einig, dass das was Herr Spahn losgetreten hat, blinder Aktionismus ist“, sagte Thomas Gerlach, Betriebsratsvorsitzender im Klinikum Fulda, gegen Ende der Diskussion.
