Laut Al-Hami gibt es in Deutschland rund eine halbe Million ausgebildete Ärzte, wovon aktuell aber nur 385.000 berufstätig sind. „Es gibt keinen Ärztemangel“, betont der Neurochirurg, der anfügt: „Wir haben ein Strukturproblem.“ Denn die Hälfte der Zeit würden Ärzte für Tätigkeiten eingesetzt, die nichts mit ihrer eigentlichen Berufung zu tun hätten. Vielmehr müssten sich die Mediziner mit viel Bürokratie beschäftigen.
Dabei erinnert sich Al-Hami selbst noch an ganz andere Zeiten. Als er Medizinstudent war, habe er in Mainz beispielsweise von den Krankenschwestern gelernt, wie Blut abgenommen wird. „Die Ausbildung der Krankenschwestern in den 70er und 80er Jahren war medizinisch hochqualitativ“, meint Al-Hami. Nachdem Anfang der 80er Jahre rund 15.000 arbeitslose Ärzte auf der Straße standen, seien laut dem Neurochirurgen die Schwestern dann zu ihren Verbänden gegangen und hätten gefordert, dass einige Tätigkeiten, die sie bis dato erledigen hatten müssen, von den Ärzten übernommen werden sollten. „Das Pflegepersonal hat sich kontinuierlich selbst degradiert“, erzählt Al-Hami über den fortlaufenden Prozess. Heutzutage dürften viele Krankenpfleger gewisse Aufgaben nicht mehr ausführen, obwohl sie seiner Ansicht nach dazu in der Lage wären. Dabei würde die Übernahme von Tätigkeiten wie das Blutabnehmen den Status des Pflegepersonals aufwerten. Zudem würden damit auch die Ärzte entlastet werden, die sich laut Al-Hami so besser um wichtigere Aufgaben kümmern könnten.
Im stationären Sektor gebe es in Deutschland 2000 zugelassene Krankenhäuser. Die Struktur laufe dort auch sehr gut. Das Problem der Ärztestruktur entstehe aber im anderen Bereich. „Wir haben einen ambulanten Sektor aus Bismarcks Zeit, der sich nicht revolutioniert hat“, so Al-Hami. Genau dieser Bereich werde von den Kassenärztlichen Verbänden geführt. Um eine Veränderung beziehungsweise eine Verbesserung herbeizuführen sei es laut Al-Hami unbedingt notwendig, dass die Niederlassungs-Zulassung von Ärzten den Kassenärztlichen Verbänden entzogen werde. Dafür solle der Staat, beziehungsweise das Bundesland, darüber entscheiden und die Zulassung von Ärzten, je nach Gebiet auf Bezirksebene regeln. „Wir haben eine Struktur, die überbläht ist“, mahnt Al-Hami.
Weiterhin müsse seiner Ansicht nach dringend das Vergütungssystem im ambulanten Sektor überarbeitet und dem des stationären Sektors angepasst werden. Laut Al-Hami müssen die Krankenkassen auf Landesebene die Verhandlungen beispielsweise mit einer Fachgruppe der Dermatologen führen, um deren Interessen umsetzen zu können. „Die Politiker sind im Gesundheitssystem nur die Prostituierten“, kritisiert der Neurochirurg und fordert bessere Strukturen, die von der Politik gemacht werden. Außerdem spricht Al-Hami von den sogenannten „Praxistouristen“, denen unbedingt Einhalt geboten werden müsse. „In Deutschland geht ein Patient im Durchschnitt zwischen 16 und 18 Mal im Jahr zum Arzt“, erzählt Al-Hami, der fordert: „Viele Patienten müssen gebremst werden.“ Die „Praxistouristen“ würden schließlich anderen Patienten aich noch die Termine wegnehmen.
