Lokales 28.11.2017

„Sinn und Unsinn der Versteifungsoperationen“ – Vortrag von Dr. Al-Hami

Fulda – Von Jasha Günther – Rund 40 Interessierte waren am Montagabend zu einem Vortrag  von Dr. Samir Al-Hami in die Al-Hami International Academy in Fulda gekommen. Der Neurochirurg sprach zum Thema „Sinn und Unsinn der Versteifungsoperationen an der Lendenwirbelsäule“, zeigte alternative Therapiemöglichkeiten auf und ging auf die individuellen Fragen der Zuhörer ein.

Dr. Samir Al-Hami. Foto: Jasha Günther

„Diese Operationen sind manchmal ein Heil für die Patienten, aber nicht in diesem Ausmaß“, machte Al-Hami deutlich, dass Versteifungsoperationen bei bestimmten Indikationen durchaus ihre Berechtigung haben, aber zu häufig eingesetzt werden – gerade in Osthessen. „Wir übersteigen den bundesweiten Durchschnitt um 260 Prozent“, meinte der Fuldaer Neurochirurg zu den Operationszahlen in der Region, die er schon seit einigen Jahren kritisiert. Doch warum werden Versteifungsoperationen so massiv eingesetzt? „Es gibt mehrere Gründe“, sagte Al-Hami. Zum einen hätten die Leistungserbringer – Krankenhäuser und Ärzte – vor Jahren entdeckt, dass mit den Versteifungsoperationen mehr Geld als mit anderen Operationen gemacht werden könne. Ein weiteres Problem liege im Gesundheitssystem, konkret in der Art, wie Krankenkassen Leistungen vergüten. „Das sind zwei Komponenten, die rein ökonomisch dazu geführt haben, diese Operationen mehr anzubieten“, so Al-Hami. Darüber hinaus hätte auch noch die riesige Medizintechnik-Industrie ein großes Interesse daran, ihre Produkte zu vermarkten. „Es geht hier um Milliarden“, machte Al-Hami deutlich.

Doch bei welchen Befunden ist eine Versteifungsoperation notwendig? Wann ist eine schnelle Entscheidung von Nöten? Wann sollten die Patienten lieber eine Zweitmeinung einholen? Und welche Therapiemöglichkeiten alternativ zur Versteifung der Wirbelsegmente sollten zunächst ausprobiert werden? All diesen Fragen ging Al-Hami in seinem Vortrag nach und bezog dabei auch immer wieder seine Zuhörer, von denen viele selbst Erfahrungen mit Rücken- und Nervenschmerzen haben, mit ein. Eine Indikation für Versteifungsoperationen könne das sogenannte Wirbelgleiten, das zu einer Instabilität der Wirbelsäule führt und viele Ursachen haben kann, sein. Darüber hinaus gebe es auch Versteifungen in Kombination mit der Beseitigung einer Spinalkanalstenose (Verengung des Wirbelkanals) oder eines Bandscheibenvorfalls, wenn es dadurch zu einer Gefügelockerung komme. Doch in allen Fällen reiche es nicht, alleine die Röntgenbilder zu betrachten, denn eine wichtige Rolle neben den eigentlichen Gelenken spielen auch die Bänder, Muskeln, Faszien und die Psyche. „Deshalb ist es wahnsinnig wichtig, den Patienten in seiner Gesamtheit zu betrachten“, forderte Al-Hami, immer die Lebenssituation, das Alter, die Beschwerden sowie die Belastungen im Alltag mit einzubeziehen: „Bei der Wirbelsäule gibt es nicht die Standardbehandlung.“

Mit vielen schematischen Darstellungen und Röntgenaufnahmen erläuterte Al-Hami den Aufbau der Wirbelsäule, die Veränderungen im Laufe des Lebens und die Möglichkeiten, die Beschwerden durch konservative Behandlung wie beispielsweise Muskelaufbau und Krankengymnastik, oder invasive Eingriffe zu lindern. Wobei Eingriffe nicht immer gleich große Operationen sein müssen. Eine Maßnahme, die bei vielen Patienten gute Wirkung zeige, sei die Facettenblockade oder Nervenwurzelspritze. Doch die Spritzen, die im Computertomographen (CT) gesetzt werden seien schwieriger zu bekommen als eine Operation. Stationär, wie Al-Hami es selbst anbietet, da das Gerät in seiner Klinik und nicht in seiner Praxis steht, würden die Krankenkassen die im Vergleich zur Operation deutlich billigere Behandlung häufig ablehnen, da sie auch ambulant durchgeführt werden könne. Ambulant sei der Weg jedoch ebenfalls langwierig, weil erst ein Schmerztherapeut die Verordnung erteilen müsse, bevor dann ein niedergelassener Radiologe oder Neurochirurg spritzen könne – alles verbunden mit oft langen Wartezeiten auf die Termine. Die Ursache dafür erläuterte Al-Hami erneut mit den Strukturen im deutschen Gesundheitssystem, die noch aus der Zeit Bismarcks stammen.

Vortrag von Dr. Al-Hami. Fotos: Jasha Günther