Lokales 02.11.2015

Spurensuche in Tann – Holländer erkundigt sich nach Rhöner Vorfahren

Tann (oz/hg) – Dr. Bastiaan van der Velden aus Den Haag ist das erste Mal in Tann. Er ist auf Spurensuche nach seinen Vorfahren, der jüdischen Familie Freudenthal. Die Freudenthals gehörten zu den ersten drei Familien, die sich 1733 auf Geheiß des damaligen Freiherrn von der Tann in der Rhöner Ritterschaft nieder ließen.

Von links: Professorin Dr

Menko Isaak kam aus Barchfeld, seine Nachfahren nannten sich später Freudenthal und Goldschmidt. Und jetzt sitzt sein Ur ... ur ...Urenkel im Rathaus der Stadt Tann und blättert in den Archivakten nach den Spuren seiner Ahnen. Van der Velden ist an der Fernuniversität in Holland Dozent für Jura mit den Schwerpunkten Privatrecht und Rechtsgeschichte. Er geht mit wissenschaftlicher Systematik bei seiner Suche vor. Über  das Findbuch des Archivs ist er auf zahlreiche Spuren seiner Familie gestoßen. Sein Urgroßvater Joseph Freudenthal, geboren 1879 in Tann, hatte 1950 in Israel autobiographische Erinnerungen in Briefform über seine Jugend in Tann für seinen Sohn Hans in Utrecht in Holland geschrieben. Beim Kramen in Familienunterlagen ist van der Velden auf diesen Schlüssel zu seiner Familie gestoßen. Es fanden sich ferner ein Stammbaum und weitere Briefwechsel zwischen den Freudenthals mit Tanner Nachbarn und Familienmitgliedern, die während des zunehmenden Nazi-Terrors noch in Tann aushielten, Überlegungen  zur Flucht und zu Ausreisemöglichkeiten.  Van der Velden wurde  sensibel für die Tanner Zeit seiner Familie. Mit 45 Jahren war er jetzt zum ersten Mal in der Rhön. Und das Graben nach der eigenen Geschichte ließen ihn und seine Frau Dr. Viola Heutger, Professorin für Methodenlehre und Rechtsgeschichte an der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul, nicht mehr los. Aus den ursprünglich zwei geplanten Tagen in der Rhön wurde eine ganze Woche.

Nach Rabenstein war unter den Tanner Juden zu Beginn der 1930er Jahre der Name  Freudenthal der häufigste. Laut der Judenmatrikel am Herrschaftsgericht Tann von 1817 hatte der Schutzjude und im Viehhandel tätige Menke Isaak den Namen Menke Freudenthal (1786 bis 1848) angenommen. Einer seiner Söhne, Hirsch Freudenthal (1813 bis 1892), hatte den Beruf des Gerbers erlernt. Bevor er Gerber-Meister werden konnte, musste er zur Erweiterung seiner Fertigkeiten und um die Welt kennen zu lernen, auf Wanderschaft gehen, die ihn durch ganz Deutschland und bis nach Kopenhagen führte. Die Familiengeschichte zeigt, wie die Familie in das Tanner Sozialgefüge eingebunden war. Dieses bestand aus Nähe und Distanz. Gerbermeister und Familienvorstand Hirsch Freudenthal war eine in der Region angesehen Persönlichkeit. Noch als Seniorchef hielt den Kontakt zu seinen Kunden auch durch Besuche, zu denen er seinen Enkel Joseph (1879 bis 1967) mitnahm. So wurde dieser in das soziale Gefüge der Region schon als Kind eingeführt. Diese Hausbesuche führten auch zu einem Abkömmling der Freiherrlichen Familie von der Tann, der einen Gutshof  bewirtschaftete. Dort war Bastiaans Urururgroßvater ein gern gesehener Gast, mit dem der Freiherr lange Gespräche über Religion und die politischen Entwicklungen der Zeit führte. Am Einweihungstag der nach dem Brand von 1879 wiedererrichteten evangelischen Kirche hing seine Familie mit Eichenlaub geschmückte, gewundene Girlanden mit einem Psalm aus dem Alten Testament über die  Hausfront und die ganze Hauptstraße.

Die jüdische und protestantische Religionsgemeinschaft lebten in Tann zwar miteinander, aber nebeneinander.  Erstmals fiel dem kleinen Joseph bei einem Schuster in dessen Werkstatt ein Kreuz an der Wand mit dem gekreuzigten Christus auf. In der jüdischen Schule fand keine Vermittlung des christlichen Glaubens statt, wie auch umgekehrt den Christen die jüdische Religion fremd blieb. Sein Beruf als Lehrer in der Synagoge führte den erwachsenen Joseph Freudenthal nach Luckenwalde in Brandenburg und Bünzlau in Oberschlesien. Vor dem Nazi-Terror wanderte er 1939 zu seinem Sohn nach Amsterdam aus. Ende 1943 wurde er im Rahmen der Vernichtungsaktionen der Nazis verhaftet und zunächst im KZ–Durchgangslager Westerbork interniert, bevor er in ein Außenlager des Vernichtungslagers KZ Bergen-Belsen verschleppt wurde. Im Austausch jüdischer Inhaftierter gegen deutsche Kriegsgefangene wurde er noch 1944 nach Palästina abgeschoben. Dort lebte er nach der Gründung des Staates Israel in der Nähe von Haifa. 1960 kehrte er nach Deutschland zurück und verbrachte seine letzten Jahre in einem jüdischen Altenheim in Frankfurt, wo er 1967 verstarb. Sein Sohn, der Großvater von Bastiaan, Professor Dr. Hans Freudenthal, konnte, schon inhaftiert, mit Hilfe seiner Frau und von Freunden den Nazis entkommen und lehrte nach dem Krieg an der Universität in Utrecht in den Niederlande als renommierter Mathematiker und Wissenschaftsdidaktiker. Er hat den Mathematikunterricht nachhaltig beeinflusst. In seiner Geburtsstadt Luckenwalde wurde er im Jahre 1990 mit der Ehrenbürgerschaft ausgezeichnet.

Van der Velde und seine Frau sind beeindruckt, wie lebendig in Tann Geschichte gepflegt und von der Bevölkerung wahrgenommen wird. Auch nach 70 Jahren sei die Geschichte sehr präsent. Fremde Menschen sprachen sie auf der Straße an und erzählten ihnen Anekdoten von ihrer Familie. Der Name Freudenthal war vielen noch bekannt. Sie berichteten ihnen, dass Bettwäsche aus dem Kaufhaus Stern und Freudenthal noch bis heute aufgehoben werde. Die beiden waren überrascht von dem überwältigenden Besuch des Vortrags  „Juden in der Rhön“ von Dr. Michael Imhof über die „Bedeutung des Judentums für die Entwicklung der Rhön“. Ein Gast habe ihnen einen Schuhlöffel des Geschäfts Max Freudenthal gezeigt, der heute noch von der 94-jährigen Großmutter täglich verwendet werde. Auch zeigte man ihnen ein Fotoalbum mit Bildern der Freudenthals in Tann. Es war wohl nicht der letzte Besuch der van der Veldens in der Rhön. Die Offenheit der Menschen und die Landschaft habe sie sehr beeindruckt. Auch im Archiv gebe es noch manches zu entdecken.