Einen Blick hinter die Kulissen des Profifußballs zu werfen: Wann kann man das schon mal? Das dachten sich auch die rund 150 Besucher, darunter Bürgermeister Dag Wehner, die zum Vortragsabend ins ITZ gekommen waren – und sie wurden nicht enttäuscht: Spannende Vorträge sowie eine Talkrunde mit den Stargästen Michael Oenning, Richard Golz, Otto Addo und Uwe Scherr sorgten für einen kurzweiligen Abend.
Kein Stuhl im ITZ im Alten Schlachthof war unbesetzt, als Martin Daxl, „Vater“ von (wieder)entdeckt, den Abend mit einer kurzen Projektvorstellung eröffnete. Der Gründer von Davitasports hielt einen lebhaften Vortrag über Leistungsoptimierung, vor allem im mentalen Bereich: „Der Mensch neigt leider dazu, anderen gefallen zu wollen. Wenn wir Ziele erreichen wollen, brauchen wir Naivität. Die Realität bremst uns. Letztendlich sind das einzige, was uns daran hindert, ein Ziel zu erreichen, unsere Gedanken“, sagte Daxl, der beispielsweise 1899 Hoffenheim in der Saison 2012/2013 so auf das Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund (eine Woche vor dem Champions League-Finale) vorzubereiten half, dass die TSG mit einem 2:1-Sieg am Ende doch noch den Klassenerhalt schaffte. „Die Leute reden am Mittwoch schon über Samstag, aber was zählt ist das Hier und Jetzt“, betonte Daxl, der für die Zuhörer einen einfachen Tipp hatte: „Denken Sie an die Wurst. Ein Hund, der von einem Zirkusdirektor trainiert wird, immer höher zu springen, sieht nicht die Latte, über die er springen soll, sondern die Wurst.“
„Wer die Athletik zerstören will, macht Stabi-Übungen“
Einen enorm informativen und intensiven Einblick in die medizinischen Hintergründe im Profisport gab Kurt Mosetter, Mediziner der Nationalmannschaft der USA: Mit der von ihm entwickelten Myoreflextherapie sollen Schwachstellen im Körper gezielt trainiert werden. Vor allem räumte er mit so manchen überholten „Weisheiten“ auf: „Eine Verletzung wird am ersten Tag behandelt, am zweiten startet ein gezieltes Training. Jede Form von Immobilisation schadet, dadurch werden gerade junge Spieler immer wieder zurückgeworfen. Das ist wie bei einem Auto: Das lässt man bei einem Unfall auch nicht in der Garage stehen.“ Gerade was die Ernährung angeht, könnten Sportler viele Fehler machen: „Zu viel Zucker hemmt die Regeneration und fördert Krankheiten. Thomas Tuchel hat beispielsweise in Dortmund verordnet, dass die Spieler keine Stärke, keinen Zucker und keinen Fruchtzucker essen sollen“, erklärte Mosetter,
Für zahlreiche Lacher sorgte Dr. Dr. Homayun Gharavi bei seinem Vortrag „Neue Chancen durch Logik in der Athletenbetreuung“ durch seine lebhafte und lustige Art. Der frühere Chirurg kritisierte ebenfalls so manch gängige Praxis: „Beispielsweise bei der Frage ob Aufwärmen ja oder nein: Hat sich ein Hund schon mal aufgewärmt, bevor er einen Hasen jagt?“ Auch Stabilitätsübungen kann er nichts abgewinnen: „Wer die Athletik zerstören will macht Stabi-Übungen.“ Anhand von Videobeiträgen über Eintracht-Profi Timothy Chandler und der US-Skifahrerin Melissa Hughes zeigte Gharavi eindrucksvoll, wie schnell man nach schweren Knieverletzungen mit dem richtigen Training wieder fit sein kann.
„Der Kopf bestimmt die Leistung“
Krönender Abschluss des Abends war die von Osthessen-Zeitung-Chefredakteur Ralph Görlich moderierte Talkrunde mit den Stargästen Michael Oenning, Richard Golz, Otto Addo und Uwe Scherr, bei der alle aus dem Nähkästchen plauderten. Das Quartett ist vom Projekt (wieder)entdeckt restlos überzeugt: „Es gibt einfach Spätentwickler, in vielen Bereichen“, sagte beispielsweise Ex-HSV-Trainer Oenning, während der frühere Dortmunder und Mainzer Otto Addo genau wusste, woran es vor allem ankommt: „Man sollte den Glauben an sich selbst haben. Bei mir war es ja ähnlich, ich bin selbst erst mit 24 Jahren zum ersten Mal in der ersten Liga aufgelaufen und bis 18 war ich einer der Kleinsten. Wir bekommen hier eine schlagkräftige Truppe zusammen.“ Wie allerdings schon beim Vortrag von Martin Daxl klar wurde: Eine große Rolle spielt die mentale Stärke. „Der Kopf bestimmt die Leistung. ddas ist auch am schwersten zu trainieren. So komisch es sich anhört: Als Torwart hält man die meisten Bälle mit dem Kopf“, erklärte Golz, der insgesamt 493 Erst- und Zweitligaspiele für Hamburg und Freiburg absolviert hat.
Rundum zufrieden waren am Ende alle: Organisatoren und Zuhörer gleichermaßen. „Es war sehr umfangreich und informativ. Einfach toll, mal zu sehen, wie im Profibereich gearbeitet wird. Außerdem war es sehr unterhaltsam, es hat Spaß gemacht, hier zu sein“, meinte Marco Lohsse, Trainer des Verbandsligisten TSV Lehnerz II. In die gleiche Kerbe stieß Marius Diel, Spieler beim Mitte-Kreisoberligisten SV Müs: „Man hat hier ganz viele neue Dinge gehört, es hat einfach Spaß gemacht.“ Auch Thomas Dreifürst, Vorsitzender des JFV Viktoria Fulda, der das Projekt nach Fulda geholt hatte, hatte nichts zu beanstanden: „Die Resonanz zeigt ja schon, dass das ein tolles, langfristiges Projekt ist. Ich war auch begeistert von den Leuten: Die Referenten haben die Zuhörer mitgenommen.“ Martin Daxl konnte ebenfalls ein zufriedenes Fazit ziehen: „Das war eine einmalige Gelegenheit, hinter die Kulissen des Profisports zu blicken.“
