Lokales 18.04.2015

Bejarano sieht Parallelen zur NS-Zeit – „Ausländerfeindlichkeit“

Fulda – Von Julissa Bär – Tough, lebensfroh und ehrlich: So gibt sich die 91-jährige Esther Bejarano, die derzeit zu Besuch in Fulda ist. In einem Pressegespräch am Freitagnachmittag erzählte die letzte Überlebende des Mädchenorchesters Ausschwitz über ihre Aufklärungsarbeit und Musik. Am Freitagabend gab die Zeitzeugin noch ein Konzert in der Fuldaer Orangerie.

Esther Bejarano (links)

Fotos: Julissa Bär

Bereits seit 20 Jahren ist Bejarano in Schulen unterwegs, um die junge Bevölkerung als Zeitzeugin aufzuklären. „Ich merke, dass die Schüler offener und interessierter geworden sind und viele Fragen stellen“, so die 91-Jährige. Als sie mit der Aufklärung begann, öffneten ihr nur wenige Schulen die Türen: „Es hieß: Das ist ein Tabuthema. Wir wollen hier keine Zeitzeugen.“ Doch nun kann sich Bejarano als eine der letzten Ausschwitz-Überlebenden vor Anfragen kaum retten. Die 91-Jährige ist ständig unterwegs, egal ob in Deutschland, Italien, Österreich oder der Schweiz. Oft wird sie von der Microphone Mafia, einer Rapgruppe, begleitet, mit der Bejarano zahlreiche Konzerte gibt. „Man kann sich nicht vorstellen, dass eine 91-Jährige in einer Rap-Band mitsingt“, lacht die Sängerin: „Doch mit Musik kann man die Menschen erreichen.“  Auf diese Art möchte sie ihre Geschichte den Jugendlichen noch näher bringen. „Wir nehmen Briefe, Tagebucheinträge und Bücher aus dieser Zeit und rappen die Texte“, erzählt Kutlu Yurtseven, Sänger der Microphone Mafia. Mit diesen „ehrlichen Texten“ hat die Gruppe Erfolg: In den letzten zwei Jahren gab sie über 200 Konzerte: „Und es hört nicht auf“, so Yurtseven. Fast alle Auftritte der Musikgruppe sind ausverkauft. So auch das Fuldaer Konzert am Freitagabend. „Wir machen die Geschichte nicht lächerlich, sondern menschlich“, sagte Bejarano. Der Meinung schloss sich der Sänger an: „Der Widerstand braucht ein Lächeln im Gesicht.“ Ziel ist es, die Leute über die Geschehnisse aufzuklären und die Zeit des Nationalsozialismus auf eine etwas „lockerere“ Art und Weise zu verarbeiten.

Bejarano ist täglich mit Aufklärungsarbeit beschäftigt. Doch das ist nicht immer einfach: Bezeichnungen wie „Ausschwitz-Oma“ oder Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, bei welchen sie als „Sau-Jüdin“ bezeichnet wird, die in Deutschland nichts verloren habe, muss die 91-Jährige leben. „Die öffentliche Ausländerfeindlichkeit macht sich hier ein bisschen zu viel breit“, so Bejarano über die Pegida-Bewegung: „Das ist bedauerlich und schlimm.“ Die Rechtsbewegungen rufen in der Zeitzeugin Erinnerungen hervor: „Ich sehe Parallelen zur damaligen Zeit und das macht mich traurig.“ Doch ans Aufgeben denkt sie noch lange nicht: Durch ihre Aufklärungsarbeit, insbesondere in Schulen, möchte sie die Jugend erreichen: „Ich möchte dafür sorgen, dass sie nicht von den Nazis gekrallt werden.“ Und damit scheint sie auch Erfolg zu haben: Am Freitagmorgen, nach ihrer Lesung in der Christuskirche, bekam die Ausschwitz-Überlebende mit ihrer rührenden Geschichte Standing Ovations und einen langen Applaus. Sie erzählte, dass zahlreiche Schüler nach der Veranstaltung zu ihr gekommen seien, weitere Fragen gestellt hätten oder ein Foto mit ihr hätten machen wollen.