Lokales 20.10.2010

Algermissen bei Studienjahrseröffnung der Theologischen Fakultät

Fulda (os) - Um eine vertiefende Schau auf die großen Fragen und Konflikte der heutigen Zeit und ihre hilfreiche Begleitung hat der Fuldaer Bischof und Großkanzler der Theologischen Fakultät Fulda, Bischof Heinz Josef Algermissen, die Professoren, Dozenten und Studierenden der Theologischen Fakultät Fulda gebeten.

 „Es ist faszinierend, als Theologe an der Verwandlung unserer Welt in der Perspektive der vom Glauben begründeten Hoffnung mitzuarbeiten“, stellte der Oberhirte am Dienstag im Auditorium maximum der Theologischen Fakultät heraus. In seinem Schlußwort als Großkanzler der Theologischen Universität bei der Eröffnung des neuen Studienjahres 2010/2011 wies Algermissen auf die „extreme Gottvergessenheit“ in Deutschland hin, die sich nicht allein in einem aggressiven Atheismus, sondern viel mehr noch in einem „Austrocknen“ religiöser Sensibilität äußere. „Wir schließen unsere Welt über unseren Köpfen und glauben, autonom alles selbst entscheiden zu können.“ Eine Konsequenz davon sei, daß viele sich als „Herren über Leben und Tod“ fühlten und sich am Leben anderen, insbesondere am Anfang und Ende des Lebens, vergriffen. Demgegenüber gelte es, wie es Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus carits est“ dargelegt habe, die Lösung der großen Menschheitsfragen vom Evangelium her zu versuchen.

Nach dem Eröffnungsgottesdienst in der Kapelle des Bischöflichen Priesterseminars hatte im Auditorium maximum der Fakultät die Festakademie begonnen. Rektor Prof. Dr. Christoph Gregor Müller hatte nach seiner Begrüßung der Bischöfe und des Domkapitels sowie von Vertretern der Ordensgemeinschaften sowie aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Regens Monsignore Dr. Cornelius Roth als neuen Professor für Liturgiewissenschaft und die habilitierte frühere Assistentin Dr. Ute Leimgruber als neue Privatdozentin an der Fakultät vorgestellt. Diplomurkundenüberreichung und Vorstellung vier neuer Studenten und zweier Studentinnen folgte als akademischer Vortrag die Antrittsvorlesung des neuen Professors für Moraltheologie und Christliche Sozialwissenschaften, Prof. Dr. Rupert Scheule, zum Thema „Homo animal morale. Weshalb es in der Natur des Menschen liegt, moralisch zu sein, und was die theologische Ethik daraus lernen kann“.

Bischof Algermissen bezeichnete in seinem Dank an Prof. Scheule dessen Vortrag als „spannend und didaktisch gut aufgebaut“. Tatsächlich gelang es dem 41jährigen Moraltheologen, der aus dem Unterallgäu stammt und in Augsburg tätig war, eher er im April nach Fulda kam, seine rund 100 Zuhörer mit seiner lebensnahen Betrachtung des Verhältnisses von Moral und Natur in seinen Bann zu schlagen. „Es entspricht tatsächlich der Natur des Menschen, moralisch zu sein“, folgerte der Wissenschaftler aus seiner Betrachtung der Ergebnisse der evolutionären Anthropologie. Das mache es vor allem Christen leicht, die eigene Moralnatur zu bejahen und ihr entsprechend zu leben. Als Gläubige müßten sie „Mitspieler“ an der Globalisierung eines großen „Wir-Projektes“ sein, wie es das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter lehre. Denn auch Gott selbst habe „wir“ gesagt, als er sich entschlossen habe, in Jesus Christus „einer von uns“ zu werden. Ganz konkret hatte Scheule zu Beginn seiner Ausführungen nach dem Warum der Hilfsbereitschaft von Menschen gegenüber einem ihnen oftmals unbekannten Mitmenschen gefragt. Habe Thomas von Aquin recht, der sagte, der Mensch sei von Natur aus des Menschen Freund, oder gelte doch die pessimistische Sichtweise des Engländers Thomas Hobbes, der Mensch sei des Menschen Wolf, so müsse man sich fragen.

Moralisches Handeln lasse sich nicht aus der Hoffnung auf Gegenleistung erklären, führte Scheule aus, denn dann wäre sie nur ein Verhalten unter Lebewesen, die einander nutzen oder schaden könnten. Vielmehr lasse sich von der Entwicklungsgeschichte des Menschen her zeigen, daß es um einen Mutualismus, also ein gemeinsames Profitieren vom gegenseitigen Verhalten, gehe, der sich schon bei den frühen Menschen etwa in der gemeinsamen Aufzucht ihrer Kinder gezeigt habe. Versuche der Universität Leipzig hätten bewiesen, daß bereits Kleinkinder bemüht seien, Erwachsenen von sich aus zu helfen. Menschen hätten demnach die Fähigkeit, auf der Basis eines Wir-Empfindens anderen spontan in entsprechenden Situationen behilflich zu sein. Aus der Zusammenfassung der Evolutionsanthropologie, daß „Mensch das Tier ist, das ‚wir’ sagt“, ergebe sich, daß Thomas von Aquin recht und Thomas Hobbes unrecht hätten. „Der Mensch ist von Natur aus nicht nur ein animal morale, sondern die Moral scheint seine natürliche Mitgift zu sein“, folgerte der Moraltheologe.

 Die akademische Feier erhielt ihre musikalische Umrahmung durch Silke Augustinski (Oboe) und Luise Königshausen (Klavier) mit Musikstücken von G. F. Händel, A. Vivaldi und B. Britten.