Lokales 09.09.2017

„Jeder ist unser Nächster“ – 30. Sargenzeller Früchteteppich eröffnet

Hünfeld – Von Juliana Becker – In der Alten Kirche in Sargenzell wird ab sofort der 30. Früchteteppich präsentiert. Seit Juni hat ein Helferteam unter künstlerischer Leitung von Lia Noll aus Samen, Körnern, getrockneten und gemahlenen Blüten und Blättern einen 26 Quadratmeter großen Teppich gelegt. Das diesjährige Motiv ist „Das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus“. Der Appell lautet, Armut nicht zu ignorieren, sondern zu helfen.

Der Sargenzeller Früchteteppich ist eröffnet. Foto: Juliana Becker

Bei der Eröffnung am Freitagabend war die Alte Sargenzeller Kirche prall gefüllt. Alle Blicke galten dem handgearbeiteten Früchteteppich. Es kostet viel Mühe, ein solches Kunstwerk aus 130 verschiedenen Samenkörnern zu erstellen. Zuerst wird das Bild von einem DIN A3 großen Foto mit Bleistift abgemalt. Die so entstandenen Konturen werden mit verschieden großen Körnern beklebt und dann mit Samenkörnern ausgestreut und mit gemahlenen, getrockneten Blüten oder Blättern schattiert, um so dem Originalgemälde möglichst nahe zu kommen. „Die lange Arbeit – sitzend, kniend, stehend – hat sich gelohnt“, sagte Adolf Döring, erster Vorsitzender vom Förderverein. Leiterin Lia Noll zeigte sich besonders begeistert über die gute Gemeinschaft der Helfer, die sich jeden Abend in der Kirche trafen. „Wir halten zusammen“, sagte Noll: „Wir haben zusammen gesungen, uns was erzählt, uns gemeinsam gefreut, aber auch gemeinsam geweint“.

Als Vorlage für den Früchteteppich 2017 diente das Gemälde „Das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus“ (Lukas - 16, 19-3) des italienischen Malers Leandro da Ponte (1557 bis 1622). Das 1590 bis 1595 gemalte Originalbild befindet sich im kunsthistorischen Museum in Wien. Es zeigt ein Festmahl eines reichen Mannes, der an einem edlen Tisch in guter Gesellschaft sitzt. Am rechten Bildrand steht der bettelnde von Geschwüren gezeichnete Lazarus, dessen Blick auf dem Tisch niemand Beachtung schenkt. Doch in Mitten der Menschen scheint auch der reiche Mann nicht glücklich, sondern einsam zu sein. „Es gibt auch seelische Armut“, erklärte Noll. Pater Gosla verwies in seiner Interpretation des Bildes auf die Bedeutung der Gottes- und Nächstenliebe im christlichen Glauben. „Eine humane Gesellschaft muss diejenigen, die am Rand stehen, in den Mittelpunkt stellen“, so Gosla. Alleinerziehende Mütter, altersschwache Menschen, Schulkinder – Jeder der Hilfe benötige, könne auch in der heutigen Zeit für Lazarus stehen. „Lazarus hat viele Gesichter und wenn wir nur die Augen für ihn öffnen, sehen wir ihn“, sagte der Pater.

„Die Bilder erinnern uns an Glaubenswahrheiten, die im Alltag in Vergessenheit geraten“, meinte die Hünfelder Stadträtin Martina Sauerbier. Das fast 500 Jahre alte Bild ist laut Sauerbier heute angesichts der Flüchtlingskrise top aktuell. „Jeder ist unser Nächster“, so die Stadträtin. Auch CDU-Bundestagsabgeordneter Michael Brand war vor Ort. „Das Gleichnis ist ein Auftrag, Verantwortung als Christ zu übernehmen und sich für Gerechtigkeit, Menschenrechte und Nächstenliebe einzusetzen“, sagte Brand. Er forderte dazu auf, Ungerechtigkeiten innerhalb und außerhalb Deutschlands wahrzunehmen und etwas dagegen zu tun.

Begleitet wurde die feierliche Eröffnung von der Hünhaner Chorgemeinschaft. Nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung wurden alle Besucher zu einem gemütlichen Ausklang mit Gulasch und Getränken eingeladen. Die Ausstellung ist bis zum 1. November täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Es sind immer ehrenamtliche Helfer anwesend, die den Besuchern das Bild und die Bedeutung der einzelnen Geschehnisse erklären und Fragen beantworten.

Früchteteppich Sargenzell (Fotos: Juliana Becker)